2022 Edelbräu

Wenn Du das Leben aushalten willst,
richte Dich auf den Tod ein.

Sigmund Freud

Große Kunst wird in schwierigen Umständen geboren, sagt man: Punk in den Schmelzöfen des dahinbröckelnden Englands der 70er, Las Ketchup als euphorischer Befreiungsschlag in der kollektiven Schockstarre nach 9/11, Weezer aus den American Pie-verkrusteten Hormonsümpfen der US-Colleges als Mahnmal dafür, wie scheiße die 90er doch auch waren. Eigentlich müsste 2022 also die Zeit für große Kunst sein. Und abgesehen von der Entwicklung der „Technoszene“ (tbh, was will man erwarten, wenn eine Szene komplett mainstreamtauglich wird?) und ein paar enttäuschenden Releases (neue Haft erst kacke, dann ok, letzte Naxatras erst gut, dann corny) ist es doch gar nicht so schlimm gewesen. Auf die Zeit reagiert haben auf jeden Fall diese Leute:

„Why do people have to live outside / In the brutal heat or when it’s below freezing?“ brüllen uns Chat Pile wütend auf auf ihrem Debüt entgegen. Zeit, hartes Gerät rauszuholen und berechtigt angepisst alles an defensiver Architektur in der Umgebung wegzuflexen, und God’s Country liefert den idealen Noise-/Sludge-Soundtrack dazu. Ähnlich viel Frustration über den Status Quo haben Die Nerven in EUROPA gebündelt, und ich glaube „ICH STERBE JEDEN TAG IN DEUTSCHLAND“ ist mein Lieblings-Songtitel des Jahres.

Um den Rest der Liste nicht komplett mit Links zuzuhämmern: Hier ist meine Best-Of-Playlist

Ach, das war dieses Jahr?

Etwas aus der Reihe der „Besten Releases 2022 (für mich persönlich)“ fallen ein paar sehr gute Sachen, bei denen ich erst in der Jahresabschlussanalyse (also in den letzten paar Wochen) gecheckt habe, dass sie überhaupt erschienen sind. Im Bereich des Black Metal sind das aktuelle, sehr vielseitige Album der Kölner von Ultha, die neue von Wiegedood sowie die US-Post Black Metal-/Sludge-/Doom-Kollaboration der sowieso sehr kollaborationsfreudigen Mizmor und Thou – vielleicht die beste Kollaboration zweier Bands dieses Jahr (– die auch noch eine super Single noch mal erweitert um Emma Ruth Rundle gedropped hat).

(Ein Sonderfall ist die sehr beachhousige letzte Beach House – ich dachte einfach, dass die schon 5 Jahre alt ist. Spricht sowohl für als auch gegen das Album?)

Der ganze Hip-Hop-Kram und so

Als Hip Hop- und Rap-Semiprofi (sprich: ich habe eigentlich kaum Plan) war ich gar nicht mal so enttäuscht von der neuen Kendrick Lamar, ich fand sie sogar ziemlich gut. Allerdings auch ein bisschen lang. Highlight: „We Cry Together“ und „United in Grief“. Die besten Raplines des Jahres gehen aber definitiv auf das Konto von Action Bronson: „Hit your bitch with a banana boat“ ist die behämmertste Punchline so far, und das ganze Album strotzt nur so vor schrägen Texten und gewohnt nicen Beats mit ewig vielen Samples. Auch zu erwähnen ist Back im Game Vol. 1 von Audio88, Yassin & Torky Tork sowie die neue Denzel Curry („John Wayne“ einfach catchy AF, aber die Feature Artists sucken leider ein bisschen teilweise).

Richtig dicke, Astro-Scheiße beiseite: Remember Your North Star von Yaya Bey. Feministischer, heftiger R&B, mega nice aufgebaut, relativ wenig bis ca. gar kein Blatt vorm Mund.

You are doomed!

Dadurch dass wir uns dieses Jahr echt enorm viel mit Mother Bear beschäftigt haben, habe ich auch enorm viel Doom und Stoner gepumpt.

Kurzgefasst meine Top-Picks:

Ufomammut „Fenice“ • Spacig, mächtig, irgendwie mystisch.
BongBongBeerWizards – „Ampire“ • Geil, dass sowas aus Dortmund kommt; richtig dicke Wand an Amp-Worship.
Nebula – „Transmission From Mothership Earth“ • Gut zum verkifft Skateboard fahren, glaube ich, ich kann aber nicht skaten. Sehr verspulter Kram.
Conan – „Evidence of Immortality“ • Caveman battle doom. What more to say.
Boris – „W“ • Zwischen Drone, Ambient, Doom, sonstwas, mega Spektakel.

Der Top-Shit

Fontaines D.C. – „Skinty Fia“ • Zugegeben, beim ersten Hören war ich kurz skeptisch, was auch der etwas cleaneren Produktion und dem gedrosselten Tempo verschuldet sein mag, aber diese wilde Mischung aus Jogginghosen-Lyrik, Shoegaze-Anleihen („Nabokov“), Dubliner Schnodderigkeit, etwas Pathos und einem Sven Regener-Gedächtnismoment bei „The Couple Across The Way“ hat mich mittlerweile so dermaßen im Bann, dass ich das Album wohl öfter als jede andere Neuerscheinung des Jahres gepumpt habe. Muss man eigentlich nicht viel zu sagen, außer dass Fontaines D.C. immer noch die Band der Stunde im Postpunk/Indie/britischem Rock-Sektor sind (sorry Folks, natürlich Irisch – warum lässt man euch die Liebe zum Vaterland durchgehen? Egal). Es gibt auf Netflix übrigens eine coole Performance des unglaublich guten Vorgängers – A Hero’s Death.

GGGOLDDD – „This Shame Should Not Be Mine“ • GOLD heißen nun GGGOLDDD und auch sonst hat sich einiges getan bei der niederländischen Band um Milena Eva und Thomas Sciarione (seines Zeichens ex-Gitarrist bei den leider todesfallbedingt aufgelösten Okkultrockern The Devil’s Blood (unbedingter Hörtipp: die Come, Reap-EP). Zwar hat sich die Band schon immer durch echt finstere, aber schöne Texte über die Schattenseiten des Lebens hervorgetan, aber auf „This Shame Should Not Be Mine“ erzählt Milena Eva fragmentarisch die Geschichte einer Vergewaltigung in ihrer Jugend. Harter Tobak, allerdings krass gut erzählt und als Album ein unglaublich vielschichtiges, heftiges Konstrukt, in dem wenig Versatzstücke der Vorgängeralben (eingängige Hooks, düsterer Gitarrenrock mit 80s-Einschlag) geblieben, dafür aber allerhand Neues und Spannendes (elektronische Drums, Samples, Streicher, arabeske Melodieführung) hinzugekommen ist. Und ein wenig Black Metal-Riffing schimmert auch stets durch. Komplettiert von einem mega Albumcover für mich eins der rundesten Dinger des Jahres.

SHXCXCHCXSH – „Kongestion“ • Eine Gabber-Kick, 90s-Synthgeschosse, die durch den Raum jagen, Störgeräusche, Techno ohne Techno. Was man außer „die verwursten hier irgendwie voll viel Rave-Kram, ohne dass das so Rave-Kram ist, mit bisschen Breakbeat und Noise und bisschen IDM auch und vielleicht etwas Dub, kein Plan? Ist herbe geil einfach“ sagen sollte, weiß ich nicht. Ich glaube so klingt ein (guter) Technoclub, wenn man in Ich-Auflösung durchschweben würde.

Cosmic Guilt – „Cosmic Guilt“ • Manchmal stelle ich mir vor, wie es wäre, Trucker in den USA zu sein. Schön mit Marlboro im Maul, fleckige Blue Jeans, Dose Bud Light im Kaffeehalter und zwischendurch „Damn son“ nuscheln. Im Radio würden Cosmic Guilt laufen (ein quasi-Allstarprojekt mit u.A. Jillian Taylor von Ruby The Hatchet) und das so dermaßen herzerwärmend schöne Album würde mich wünschen lassen, gemütlich mit einem Glas Whisky im Schaukelstuhl auf der Veranda zu sitzen setzen (eigentlich finde ich Schaukelstühle echt beschissen) und ausnahmsweise mal keine Hippies mit der Schrotflinte verjagen zu wollen. Super catchy Refrains, bisschen Fleet Foxes, bisschen Kurt Vile, alles fein.

Emma Ruth Rundle – „EG 2: Dowsing Voice“ • Zu meiner etwas creepy gewordenen ERR-Verehrung muss ich zumindest hier glaube ich nix mehr sagen. Dieses Jahr hat dieses Schweizer Taschenmesser der Musikwelt nicht nur eine Single mit Thou und Mizmor (Blackgaze-Gebretter royale) und eine EP mit zwei quasi-Folgestücken zum wahnsinnig guten Vorgänger und einem Orgelstück (Pump Organ Song) rausgebracht, sondern auch endlich eine auf Spotify nicht veröffentlichte Nachfolge zu ihrem ersten Album veröffentlicht: „EG2: Dowsing Voice“. Gitarre, Stimme, Effekte, Fieldrecordings; komplett wirsch, düster und sonderbar. Kann ich nicht besser einordnen, aber ich bin auch befangen. Jan hatte es als irgendwas á la „Enya 2022“ bezeichnet, kann sein, kann auch nicht sein.

Kae Tempest – „The Line Is A Curve“ • Was soll man hierzu schreiben? Kae Tempest rasiert auf ganzer Linie. Spoken Word-/Rap-Overkill vom Feinsten. Beats zum Hinknien. Produktion on fleeeeek. Wie zu erwarten heftige Texte. Und natürlich bri’ish A F. Hat mir etwas das Gefühl gegeben, dass die Nordi in London liegt, zumindest in dem London, wie ich als Burial-Freund mir immer vorgestellt habe (grau, regnerisch, komisch).

Jenny Hval – „Classic Objects“ • Ätherischer Art-Pop, musikalisch weitaus weniger zugeknöpft als die Vorgänger und auch weitaus freundlicher: Jenny Hvals neues Album spielt mit so vielen Einflüssen, dass es einfach nur Laune macht. Funky Beats mit Perkussion, dicker Synthesizer-Drone („Jupiter“), sphärische Pop-Hymnen, etwas Cheese, here we go. Wer Julia Holter und so mag, greife zu.

Swutscher – „Swutscher“ • Kunststudenten-Psych, Hamburger Schmierigkeit, mehrstimmige 60s-Gesänge, 70s-Hardrock-16tel-Klavier („Ü30“), Doors-Vibes mit Detektivfilm-Geschröggel, Western-Vibes in „Palm Royale“ und der deptimierendste Closingtrack des Jahres („Bodo“) ergeben zusammen ein sehr gutes, sprich, erstaunlich wenig peinliches deutschsprachiges Album.

Caterina Barbieri – „Spirit Exit“ • Mega Synthesizer-Mukke. Quasi Ambient, aber mit viel Schmackes und Subbässen, teilweise auch Barbieris Stimme und Future Pop-Anleihen gen Ende.

Kristina Jung – „A Wolf In Every Womb“ • Okay, ich hab das Artwork für die Platte gemacht. Nichtsdestotrotz ein richtig empfehlenswertes Album, wenn man … Folk mag? Ganz einordnen kann man es nicht. Und das macht es so gut.

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