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Durch die Nacht mit Harmony Korine und Gaspar Noé

Ich habe beinahe vergessen, wie großartig „Durch die Nacht mit …“ von arte ist.* Hier shittalked – oder auch nicht, wer weiß das schon – Harmony Korine seinem Kollegen ordentlich das Ohr ab, es macht Laune.

*Das ist eine dreiste Lüge; ich habe erst vor einem Monat die komplette Episodenliste auf wilde Dreamteams abgegrast (vorne dabei: Jodorowski & Pinchberg („Jodorowsky’s Dune“ ist auch gerade auf arte zu sehen), Adam Green & Carl Barat sowie Thurston Moore & Phil Collins – alle ungesehen, aber vielversprechend)

2023 – Der Jahresrückblick mit Thomas Gottschalk

(Lustige Einleitung hier) – ich habe etwas getrödelt, weil ich wochenlang mit dem Sortieren und versuchtem Ausmisten meiner Liebste-Releases-Spotify-Liste beschäftigt war. Dass diese bei – elektronische Musik größenteils ausgenommen (die hab ich hier verwurstet) – 80 Tracks geendet ist, ist eigentlich ein gutes Zeichen für das Jahr. However, hier meine Favoriten.

Top 9 (unsortiert)

Poison Ruïn – „Härvest“
Damit bin ich etwa allen Menschen die ich kenne auf den Sack gegangen. Das Rad, oder überhaupt irgendetwas, wird hier nicht neuerfunden, stattdessen bügelt die Chain Punk-Kapelle aus Philly eine Mixtur aus Fantasy-Inhalten, Dungeon Synth-Interludes und Folk-Riffs auf eine – in Sachen Gitarrenharmonien und Vocals – sehr an die Wipers und Hüsker Dü erinnernde Kutte. „Härvest“ war mein meistgehörter Song des Jahres, aber mittlerweile ergötze ich mich noch mehr an den darauf folgenden Titeln. Und das alles mit der schönsten Produktion des Jahres (klingt am besten auf billigen Kopfhörern). Der Metal Hammer hat’s mit 2/5 Sternen verrissen, aber das ist eh eine verkackte Springer-Schmonzette.

Reverend Kristin Michael Hayter – „SAVED!“
Wäre es früher erschienen, wäre 2023 komplett von diesem Album überlagert worden. So jedoch wurden nur die letzten Monate des Jahres von einem tiefen Drang nach Eucharistie, Selbstgeißelung und einem ordentlichen Schuss Messwein erfüllt. „I WILL BE WITH YOU ALWAYS“ kickt mich jedes Mal so dermaßen, dass der Heiland mir erscheint, und „ALL OF MY FRIENDS ARE GOING TO HELL“ bleibt der unerwarteste Banger des Jahres.

Fever Ray – „New Romantics“
Hach, Fever Ray. Nachdem ihr letztes Album „Plunge“ nach Jahren der Pause ein ziemlicher Bruch mit ihrem unbesiegbar famosen, düsteren, selbstbetitelten Debüt war, pendelt sich „New Romantics“ irgendwo in der Mitte zwischen den Polen ein. Vielleicht auch nur, weil man sich an die knalligere Version von Karin Dreijer aka 1/2 von The Knife gewöhnt hat? Egal. Ich liebe es.

Andrea – „Due in Color“
Als Ilian Tape-Liebhaber (ihr wisst schon, „Compro“ von Skee Mask) habe ich mich natürlich so oder so gefreut, dass es ein neues Album auf dem Label gibt. Noch mehr gefreut hat es mich, dass es ein Andrea-Album ist. Zwischen Breakbeat, Dub, Ambient, verträumten B12-Grooves und einem sonnigen Cover hat dieses Album einfach viel Wärme mitgebracht.

Hexer – „Abyssal“
Ich habe sicher 10 Mal vergessen, dass dieses Album wirklich aus 2023 ist. Vermutlich, weil ich es in der Woche des Erscheinens schon 10 Mal gehört habe. Für mich das beste Metal-Album des Jahres, kompromissloses Gebretter, das zwischen Black Metal-Attitude und Doom-Restbestandteilen vor allem am verwesenden Korpus des 90er Jahre-Death Metal nagt, vor allem an den von mir geliebten Entombed. Und das alles mit einem einzigartigen Gitarrensound, respektive: sehr uniquen Gitarrenharmonien, die eher an israelische Black Metal-Bands wie Mortuus Umbra erinnern. Technisch top, geil, dass es sowas in der Gegend gibt.

Khanate – „To Be Cruel“
Trotz großer Begeisterung für Steven O’Malleys musikalischem Output (neben Sunn O))) als Teil von Thorr’s Hammer, Burning Witch, Teeth Of Lions Rule The Divine (mit ex-Napalm Death und Cathedral-Sänger Lee Dorian) – you name it) habe ich Khanate erst so 2022/2023 auf den Schirm bekommen. Absolut abgefuckte Musik mit unvorstellbarem Timing. Dass dann noch ohne Vorankündigung ein neues Album erschienen ist, hat 2023 ein Stück besser, aber auch weitaus verzweifelter gemacht.

Natural Child – „Be M’Guest“
Einfach richtig schöne gute Laune-Mucke. Erinnert in ihren mittdreißiger-wir sind alle pleite, aber romantisieren es-Country-Vibes sehr an Cosmic Guilt, die ich letztes Jahr abgefeiert habe, man bekommt Bock Luckies im Sonnenuntergang zu rauchen und diese Lederjacken mit Fransen an den Ärmeln zu tragen.

Blood Ceremony – „The Old Ways Remain“
2023 war – auch dem Thema der Split-/Kollabo-EP von meiner Band Mother Bear mit Allysen Callery geschuldet – von einer intensiven Beschäftigung mit Folk Horror geprägt. Da passte es gut, dass das neueste Lebenszeichen dieser einst innig geliebten Retro-/Okkult-Rock-Kapelle schon im Titel den richtigen Trampelpfad einschlägt. Ich fands erst ein wenig zu poppig und soft, aber mittlerweile liebe ich es Großartig gespielt und gesungen, catchy Songwriting mit vielen 70s-Referenzen, aber gleichzeitig irgendwie mit einem Fuß in der Gegenwart. Oder zumindest in den 80ern, das ist für so hängengebliebene Mucke schon quasi die Zukunft. Schönes Artwork auch (glaube, es ist von Albert Beardsley).

Swans – „Los Angeles: City of Death
Ich könnte als Dritter im Bunde die Frage stellen, ob das Album durch das Konzert in Bochum besser geworden ist. Keine Ahnung. Ist auch egal. Es ist einfach sehr, sehr gut.

Die Goldgrube

2023 war auch, angetrieben durch das heftige Konzert von Show Me The Body in der Trompete, mein Jahr des Hardcore. Die größte Freude hatte ich mit Chain Whip – „Call of the Knife“, einfach absolut nach vorne, pöbelig, ranzig, bockig und Old School. Gleiches gilt für die … nun ja, sehr klassischen Conservatory Military Image. Große Freude hatte ich auch mit GEL, Pest Control und den eher Grind-lastigen Xiao. Wenn man die Randbereiche des Hardcore abgrast, gilt es auch einen Blick zu Full Of Hell schweifen zu lassen, die A) eine großartige, aber streckenweise etwas inkohärente Scheibe zusammen mit Nothing rausgebracht haben, B) auf der neuesten Year of the Knife (grandioses Geknüppel) featuren, C) eine weird-düstere, experimentelle und eher Noise-lastige Split EP mit Gasp released haben (tbh mein Favorit von denen dieses Jahr) sowie D) ein genial stumpfes, grooviges Monster von Kollabo-Album mit Primitive Man auf den Tisch geknallt haben. Krasser Output und jedes Mal was anderes, ich bin hyped.

Matschmix

War eins der ersten Konzerte des Jahres und absolut super (im Rattenloch): Daevar. „Delirious Rites“ ist eigentlich nur eine EP, hat aber heftig gute Melodien am Start und, gut, klingt super stark nach Windhand. Die wiederum klingen super stark nach Acid King, mit deren letztem Output nach jahrelanger Pause ich erst nichts anfangen konnte, es jetzt aber sehr regelmäßig höre. Gleiches gilt für High on Fire. Absolut episch, aber auch schon mehr in Richtung Black Metal geht der Abgesang der Band mit dem schönsten Logo Mitteleuropas, Urfaust, deren „Untergang“ es mir endlich möglich machen, Fan genug zu sein um reinen Gewissens einen Patch zu kaufen.

5 denkwürdigste Konzerte

Show Me The Body / Trompete, Bochum
Swans / Christuskirche, Bochum
Godspeed You! Black Emperor / Kantine, Köln*
Color Haze / Junkyard, Dortmund
Bell Witch / Gebäude 9, Köln

*hier kullerten einige Tränen und ich hatte Erinnerungen zu einem Song, zu dem ich keine Erinnerungen haben konnte, also quasi ein falsches Deja-Vu? Keine Ahnung. Heftig.


Diners of Massachusetts

Als bekennender Deepdive-Enthusiast bin ich bei meiner allmonatlichen Wikipedia-Recherche zu Sandwiches (es kommen immer wieder neue, interessante Artikel über die Geschichte und Variationen dieser göttlichen Art, Speisen aufzunehmen hinzu) bin ich auf dieser obskuren Seite gelandet. Obskur aus mannigfaltigen Gründen: der Artikel über die „Diners of Massachusetts“ (Multiple Property Submission im National Register of Historic Places der USA, also schon eine Nummer) ist länger als der über das National Register of Historic Places überhaupt; er ist von de facto einer einzigen Person erstellt worden; und er führt eine Liste der 22 Diners auf, von denen selbiger Autor für alle 22 jeweils eigene Wikipedia-Artikel geschrieben hat. Das ist ein so krankes Maß an Leidenschaft, dass ich einfach begeistert bin.

https://de.wikipedia.org/wiki/Diners_of_Massachusetts_MPS

Doppelhaushälfte

Absolte Empfehlung. Eigentlich die lustigste deutschsprachige Serie, die ich in den letzten Jahren gesehen habe. Wokes Berliner Pärchen mit pubertierender Tochter zieht in eine Doppelhaushälfte, und die Nachbarn sind ✨normale Deutsche✨ (more or less). Räudig, cringy, und es gibt endlich Staffel 2 – was für mich die glückseligste Entertainment-Feststellung seit dem Release der neuen Lingua Ignota letzte Woche war.

https://www.zdf.de/serien/doppelhaushaelfte

WRD – Cranger Kirmes

Die Doku ist nicht einmal durchgeschaut und trotzdem muss sie hier hin. Ich habe gerade eh einen Schausteller-Grind, aber das hier toppt alles. Wer nur den heißen Scheiß will, springt zu Minuten 23: beste Ton-Bild-Kombi einer WDR-Doku ever, maximal psychotisch – kann aber auch meiner Übermüdung geschuldet sein. Garniert wird diese Perle mit erlesenen Kommentaren, die Perle der subtilen Kapitalismuskritik ist dieser:

„_Die Polizei hat sich lange vorbereitet, schließlich geht es um viel: ein Anschlag oder eine Massenpanik könnten das Ende der Kirmes bedeuten.“

„Lucifer Rising“

Absolute Wucht. Ein obskurer Kunstfilm, dessen Soundtrack irgendwie auch aus Sessionresten von Pink Floyd bestehen könnte. Musik super, Bilder irrsinnig und psychedelisch, mystisch, fesch.

Ich empfehle, Regisseur Kenneth Anger (weirdes Interview mit Roger Willemsen hier) zu googlen und sich außerdem „Scorpio Rising“ anzusehen, der quasi das filmische Pendant zum Cover von „White Light, White Heat“ von Velvet Underground ist. Meine Letterboxd-Review:

I don’t really what to say. Visually stunning, but it didn’t really get me, then I went to bed and woke up with diffuse of memories about having a good time with a bunch of guys dressed in leather. I am confused and filled with Anger in a weird way.

Wenn wer auf letterboxd ist, added mich mal.

John Duncan – RAGE ROOM

Über Instagram bin ich auf diese Performace gestoßen und es hat wieder mal etwas mit mir gemacht. John Duncan ist offensichtlich Künstler mit Hang zum Eskalativen und rastet in diesem Rage Room komplett aus. Der Sound ist NÜSSE. Wie alle große Kunst nicht jugendfrei, aber eigentlich sieht man nur einen Altherrenschniedel.

„Full scale version of the center module for the Dream House, a seven story structure of 495 shipping containers assembled in the shape of the human brain. Included in John Duncan solo exhibition at Nicodim Gallery, Los Angeles.“

MASH GRIPS

Ich habe nur nach einem spaßigen Geburtstagsgruß gesucht und bin über „Happy Takyon“ gestolpert:

Mehr Banger finden sich, ganz zur besinnungslosen Jahreszeit passend, auf diesem famosen X-Mas-Mashup-Sampler. Wer immer schon im August zu Death Grips unter’m Mistelzweig minglen wollte, here you go. (Favoriten: „last takyon“ und „silent night cross the block“.)

BESTIA PIGRA

Vor Jahren ist diese Schauspielcrew (theaterart Berlin) in irgendeiner Doku über Techno und die Wende in Berlin erwähnt worden und klar, ich habe es gegoogelt. Irgendwie landete ich dann bei diesen 19 Minuten wilder Performance. Fühlt sich an, als hätten Cronenberg und Pasolini ein Hieronymus Bosch-Bild einer postapokalyptischen Mad Max-Fetischparty gedreht, absulter Vibe.

Spoiler: Die Mucke ist wirklich übertrieben Scheiße, hab dazu „knife through the spine“ von himukalt gepumpt. (Danke an Dennis für die Empfehlung.)

Meshes of the Afternoon

Manchmal, wenn man sich tagsüber nur kurz hinlegt und das Fenster auf Kipp ist und man so komisch wegdöst, passieren komische Dinge im Kopf. Ziemlich genau so fühlt sich dieser tonlose, schnittig kurze 15-Minüter an. Ich habe das Gefühl, dass man den Film noch 5 Mal gucken kann, dann auch mit passender Musikbegleitung (müsste man sich durchprobieren; was super geht, ist allerdings „Nosferatu“ (in der Urversion, sorry, Werner) zusammen mit „Dopesmoker“ von Sleep, empfehle ich) – und man würde trotzdem nichts so richtig verstehen. Irgendwo zwischen „Ein Andalusischer Hund“ und Jodorowski.

Hat mir der hochgeschätzte Filmprofessor Dr. Enko Landmann geschickt (warum auch immer er das hier nicht gepostet hat), gute Empfehlung. Glaube ich.

Soft White Underbelly

Läuft momentan recht lückenlos nebenher. In einem Interview meint der Dude, dass er schon 9000 Videos gemacht hat und 24/7 am Start ist für dieses Porjekt. Konzept ist einfach: Eine Leinwand, (meistens) eine Person, zwischendurch ein paar Fragen, größenteils Skid Row. Weil es meistens um die Ränder der Gesellschaft geht – Pimps (SEHR sehenswert, eigentlich jede Folge), Mörder, Crack-Addicts, Punk-Musiker (großartiges Interview mit Merle Allin, dem Bruder von GG Allin), aber auch Missbrauchsopfer, Trickbetrüger usw. – geht das manchmal etwas an die Substanz, aber es lohnt sich. Super menschliche Interviews, wie man so sagen könnte, und eine einfach überraschende Menge an guten ErzählerInnen.

Walther Ziegler: Philosophien in 60 Minuten

Etwas populistisch, aber recht einfach und schlüssig erkläre Einstundenvorträge über die wichtigsten Philosophen. Zwischendurch fällt auch mal die ein oder andere falsche oder mindestens zweifelhafte Aussage, aber dennoch kann man ihm super folgen (unter Anderem dropped er irgendwann die enorm umstrittene und de facto nicht wirklich belegte primae noctis als Fakt – also das „Recht der ersten Nacht“, in welcher der Feudalherr angeblich das Recht gehabt hätte, die Hochzeitsnacht ihm Unterstehender als erster mit der Braut zu verbringen und baut darauf eine Argumentation auf; naja). Sehr nett zum beim Aufräumen hören und so.

Kebra Ethiopia Sound System bei Boiler Room

Obwohl ich enorm gerne Dubstep höre (ALL MY HOMIES HATE SKRILLEX), bin ich doch sehr selten in Dub-Gefilden unterwegs. Hier empfehle ich unbedingt, die ersten 3 Minuten zu gucken und nicht zu skippen. Was dann passiert, wird euch alle überraschen [Click here]. Das ganze macht mich einfach sehr glücklich, alle haben eine gute Zeit und sind so unprätentiös unterwegs, dass man sich wünscht, im Techno wäre es auch nur annähernd so.

The Juggalo Summer Reading List

Oh man, ist es wirklich erst knapp 10 Jahre her, dass VICE noch richtig edgy und lustiger Scheiß war und kein Buzzfeed-Clickbaitschund? Manchmal blättere ich durch meine alten Ausgaben und werde sentimental. Warum auch immer (okay, durch diesen Artikel über das damals neueste Buch von Peter Sotos von Whitehouse) bin ich auf diese famose Leseliste gestoßen. Vom Vibe etwas wie die alten Chris Nieratko-Pornorezensionen oder eigentlich alles, was früher in der VICE stand.

https://www.vice.com/en/article/ex5594/the-juggalo-summer-reading-list

Shane MacGowan’s Leben mit den Pogues

https://www.youtube.com/watch?v=lbPhZlL1–4

Sehr gute Doku über das Leben von Pogues-Frontwrack Shane MacGowan, produziert von Johnny Depp. Erwartungsgemäß eine wirklich harte Nummer und zeitweise schwer zu verdauen, aber der Typ ist einfach eine Legende. Gibt’s leider nur mit deutscher Synchro, aber Shanes Röchel-Lachen hört man dennoch oft durch. Wer kein Problem damit hat, sich zwei Stunden lang eine komplett besoffene Legende anzuschauen und mit der IRA zu sympathisieren, GO!

Balance

Eigentlich geht’s hier nicht um Werbung oder Wohlbefinden, ich weiß. Aber ich fahre gerade ganz gut mit dieser App, und jeder Therapeut der Welt findet wohl, dass Meditationskram „auch ohne diesen Eso-Kram“ gut fürs Seelenheil ist. Balance ist eine sehr coole Meditations-App und kostet gerade 0€ für ein ganzes Jahr. Das finde ich in Anbetracht der Preise, die man sonst für sowas zahlt echt edel. Angenehme Stimme, die App lernt mit einem mit und zum Einschlafen ist das besser als Rohypnol. Das beste ist aber, dass da kein ranziger Astrovogelvibe am Start ist und man sich nicht fühlt wie im barfüßgen Ethno-Trommelzirkel im Westpark. Deshalb eine unbedingte Empfehlung für Balance.

Erklärvideo-Armageddon

Bereit, dem unbedingten Kunde-ist-König-Mindset (Und damit treibe ich mich selbst in den Ruin)* des Alles-Ist-Möglich-Kapitalismus wieder in Technicolor zu begegnen? LET’S GO! Der Algorithmus hat mir dieses Schmankerl angeschwemmt:

Liegt wohl daran, dass ich vor ein paar Monaten ein paar solcher Instruktionsvideos konsumiert habe. Weitere Favoriten sind das irre absurde Video „Verhalten am Messestand“, an dem wirklich alles off ist und das den wahren Geist einer anständigen Industrie-Messe beschwört, und ein absolutes Brett aus dem Archiv der Deutschen Bundesbahn „Abfertigen? Nein, bedienen“ ist ein Titel für sich und es wird wirklich überall Kette geraucht. Those were the days.

*Der beliebte „Würstchen“-Verkäufer Treibe-mich-selbst-in-den-Ruin Schnapper heißt im englischen Original Cut-Me-Own-Throat Dibbler. Ob die Übersetzung gut ist oder furchtbar, weiß nur der Geist von Terry Pratchett.

Found Footage Fest

Durch Zufall wurde mir dieses Video auf Facebook angezeigt und weil ich erst dachte, es wäre ein Death In June-Konzertmitschnitt, habe ich direkt draufgeklickt und war instant HOOKED’N’HAUNTED. Statt Douglas P. sieht man einen Garage Sale, bei dem die Preise ziemlich willkürlich von einer sonderbaren Person (NICHT Douglas P.) angekündigt werden. Gold.

Das Found Footage Fest scheint ein ziemliches Ding zu sein, an mir ist es vorbeigegangen, aber die Dudes sammeln echt weirden Kram.

Tehching Hsieh

Das hat mich komplett umgehauen. Ich weiß nicht, wie man so unfassbar hart unterwegs sein kann, aber Tehching Hsieh hat der Kunst einfach alles gegeben. Seine Werke sind immer einjährige Extrem-Perormances (gewesen), unter anderem hat er ein Jahr lang einmal die Stunde (!!!) in einer Stempeluhr abgestempelt und ein Foto aufgenommen. Zu viel spoilern will ich aber auch nicht. Abramovic hat ihn einen „Meister“ genannt, heißt in dem Game was glaube ich.

Fightnight of the Social Media Stars

Simples Konzept: Social Media-Stars hauen sich in der Arena Berlin für mindestens 70€ Eintritt aufs Maul. Weil schwer vorstellbar ist, dass die „richtigen“ Stars da mitmachen, treffen sich in den Pre-Fight-Interviews irgendwelche TikToker, von denen man noch nie gehört hat. Und lassen die Fetzen fliegen, inklusive etlicher ikonischer Aussagen. Die Post geht auch hier ordentlich ab. Danke für’s zeigen Jan, „du gibst für Happymeal“, alte Schlange.

2022 Edelbräu

Wenn Du das Leben aushalten willst,
richte Dich auf den Tod ein.

Sigmund Freud

Große Kunst wird in schwierigen Umständen geboren, sagt man: Punk in den Schmelzöfen des dahinbröckelnden Englands der 70er, Las Ketchup als euphorischer Befreiungsschlag in der kollektiven Schockstarre nach 9/11, Weezer aus den American Pie-verkrusteten Hormonsümpfen der US-Colleges als Mahnmal dafür, wie scheiße die 90er doch auch waren. Eigentlich müsste 2022 also die Zeit für große Kunst sein. Und abgesehen von der Entwicklung der „Technoszene“ (tbh, was will man erwarten, wenn eine Szene komplett mainstreamtauglich wird?) und ein paar enttäuschenden Releases (neue Haft erst kacke, dann ok, letzte Naxatras erst gut, dann corny) ist es doch gar nicht so schlimm gewesen. Auf die Zeit reagiert haben auf jeden Fall diese Leute:

„Why do people have to live outside / In the brutal heat or when it’s below freezing?“ brüllen uns Chat Pile wütend auf auf ihrem Debüt entgegen. Zeit, hartes Gerät rauszuholen und berechtigt angepisst alles an defensiver Architektur in der Umgebung wegzuflexen, und God’s Country liefert den idealen Noise-/Sludge-Soundtrack dazu. Ähnlich viel Frustration über den Status Quo haben Die Nerven in EUROPA gebündelt, und ich glaube „ICH STERBE JEDEN TAG IN DEUTSCHLAND“ ist mein Lieblings-Songtitel des Jahres.

Um den Rest der Liste nicht komplett mit Links zuzuhämmern: Hier ist meine Best-Of-Playlist

Ach, das war dieses Jahr?

Etwas aus der Reihe der „Besten Releases 2022 (für mich persönlich)“ fallen ein paar sehr gute Sachen, bei denen ich erst in der Jahresabschlussanalyse (also in den letzten paar Wochen) gecheckt habe, dass sie überhaupt erschienen sind. Im Bereich des Black Metal sind das aktuelle, sehr vielseitige Album der Kölner von Ultha, die neue von Wiegedood sowie die US-Post Black Metal-/Sludge-/Doom-Kollaboration der sowieso sehr kollaborationsfreudigen Mizmor und Thou – vielleicht die beste Kollaboration zweier Bands dieses Jahr (– die auch noch eine super Single noch mal erweitert um Emma Ruth Rundle gedropped hat).

(Ein Sonderfall ist die sehr beachhousige letzte Beach House – ich dachte einfach, dass die schon 5 Jahre alt ist. Spricht sowohl für als auch gegen das Album?)

Der ganze Hip-Hop-Kram und so

Als Hip Hop- und Rap-Semiprofi (sprich: ich habe eigentlich kaum Plan) war ich gar nicht mal so enttäuscht von der neuen Kendrick Lamar, ich fand sie sogar ziemlich gut. Allerdings auch ein bisschen lang. Highlight: „We Cry Together“ und „United in Grief“. Die besten Raplines des Jahres gehen aber definitiv auf das Konto von Action Bronson: „Hit your bitch with a banana boat“ ist die behämmertste Punchline so far, und das ganze Album strotzt nur so vor schrägen Texten und gewohnt nicen Beats mit ewig vielen Samples. Auch zu erwähnen ist Back im Game Vol. 1 von Audio88, Yassin & Torky Tork sowie die neue Denzel Curry („John Wayne“ einfach catchy AF, aber die Feature Artists sucken leider ein bisschen teilweise).

Richtig dicke, Astro-Scheiße beiseite: Remember Your North Star von Yaya Bey. Feministischer, heftiger R&B, mega nice aufgebaut, relativ wenig bis ca. gar kein Blatt vorm Mund.

You are doomed!

Dadurch dass wir uns dieses Jahr echt enorm viel mit Mother Bear beschäftigt haben, habe ich auch enorm viel Doom und Stoner gepumpt.

Kurzgefasst meine Top-Picks:

Ufomammut „Fenice“ • Spacig, mächtig, irgendwie mystisch.
BongBongBeerWizards – „Ampire“ • Geil, dass sowas aus Dortmund kommt; richtig dicke Wand an Amp-Worship.
Nebula – „Transmission From Mothership Earth“ • Gut zum verkifft Skateboard fahren, glaube ich, ich kann aber nicht skaten. Sehr verspulter Kram.
Conan – „Evidence of Immortality“ • Caveman battle doom. What more to say.
Boris – „W“ • Zwischen Drone, Ambient, Doom, sonstwas, mega Spektakel.

Der Top-Shit

Fontaines D.C. – „Skinty Fia“ • Zugegeben, beim ersten Hören war ich kurz skeptisch, was auch der etwas cleaneren Produktion und dem gedrosselten Tempo verschuldet sein mag, aber diese wilde Mischung aus Jogginghosen-Lyrik, Shoegaze-Anleihen („Nabokov“), Dubliner Schnodderigkeit, etwas Pathos und einem Sven Regener-Gedächtnismoment bei „The Couple Across The Way“ hat mich mittlerweile so dermaßen im Bann, dass ich das Album wohl öfter als jede andere Neuerscheinung des Jahres gepumpt habe. Muss man eigentlich nicht viel zu sagen, außer dass Fontaines D.C. immer noch die Band der Stunde im Postpunk/Indie/britischem Rock-Sektor sind (sorry Folks, natürlich Irisch – warum lässt man euch die Liebe zum Vaterland durchgehen? Egal). Es gibt auf Netflix übrigens eine coole Performance des unglaublich guten Vorgängers – A Hero’s Death.

GGGOLDDD – „This Shame Should Not Be Mine“ • GOLD heißen nun GGGOLDDD und auch sonst hat sich einiges getan bei der niederländischen Band um Milena Eva und Thomas Sciarione (seines Zeichens ex-Gitarrist bei den leider todesfallbedingt aufgelösten Okkultrockern The Devil’s Blood (unbedingter Hörtipp: die Come, Reap-EP). Zwar hat sich die Band schon immer durch echt finstere, aber schöne Texte über die Schattenseiten des Lebens hervorgetan, aber auf „This Shame Should Not Be Mine“ erzählt Milena Eva fragmentarisch die Geschichte einer Vergewaltigung in ihrer Jugend. Harter Tobak, allerdings krass gut erzählt und als Album ein unglaublich vielschichtiges, heftiges Konstrukt, in dem wenig Versatzstücke der Vorgängeralben (eingängige Hooks, düsterer Gitarrenrock mit 80s-Einschlag) geblieben, dafür aber allerhand Neues und Spannendes (elektronische Drums, Samples, Streicher, arabeske Melodieführung) hinzugekommen ist. Und ein wenig Black Metal-Riffing schimmert auch stets durch. Komplettiert von einem mega Albumcover für mich eins der rundesten Dinger des Jahres.

SHXCXCHCXSH – „Kongestion“ • Eine Gabber-Kick, 90s-Synthgeschosse, die durch den Raum jagen, Störgeräusche, Techno ohne Techno. Was man außer „die verwursten hier irgendwie voll viel Rave-Kram, ohne dass das so Rave-Kram ist, mit bisschen Breakbeat und Noise und bisschen IDM auch und vielleicht etwas Dub, kein Plan? Ist herbe geil einfach“ sagen sollte, weiß ich nicht. Ich glaube so klingt ein (guter) Technoclub, wenn man in Ich-Auflösung durchschweben würde.

Cosmic Guilt – „Cosmic Guilt“ • Manchmal stelle ich mir vor, wie es wäre, Trucker in den USA zu sein. Schön mit Marlboro im Maul, fleckige Blue Jeans, Dose Bud Light im Kaffeehalter und zwischendurch „Damn son“ nuscheln. Im Radio würden Cosmic Guilt laufen (ein quasi-Allstarprojekt mit u.A. Jillian Taylor von Ruby The Hatchet) und das so dermaßen herzerwärmend schöne Album würde mich wünschen lassen, gemütlich mit einem Glas Whisky im Schaukelstuhl auf der Veranda zu sitzen setzen (eigentlich finde ich Schaukelstühle echt beschissen) und ausnahmsweise mal keine Hippies mit der Schrotflinte verjagen zu wollen. Super catchy Refrains, bisschen Fleet Foxes, bisschen Kurt Vile, alles fein.

Emma Ruth Rundle – „EG 2: Dowsing Voice“ • Zu meiner etwas creepy gewordenen ERR-Verehrung muss ich zumindest hier glaube ich nix mehr sagen. Dieses Jahr hat dieses Schweizer Taschenmesser der Musikwelt nicht nur eine Single mit Thou und Mizmor (Blackgaze-Gebretter royale) und eine EP mit zwei quasi-Folgestücken zum wahnsinnig guten Vorgänger und einem Orgelstück (Pump Organ Song) rausgebracht, sondern auch endlich eine auf Spotify nicht veröffentlichte Nachfolge zu ihrem ersten Album veröffentlicht: „EG2: Dowsing Voice“. Gitarre, Stimme, Effekte, Fieldrecordings; komplett wirsch, düster und sonderbar. Kann ich nicht besser einordnen, aber ich bin auch befangen. Jan hatte es als irgendwas á la „Enya 2022“ bezeichnet, kann sein, kann auch nicht sein.

Kae Tempest – „The Line Is A Curve“ • Was soll man hierzu schreiben? Kae Tempest rasiert auf ganzer Linie. Spoken Word-/Rap-Overkill vom Feinsten. Beats zum Hinknien. Produktion on fleeeeek. Wie zu erwarten heftige Texte. Und natürlich bri’ish A F. Hat mir etwas das Gefühl gegeben, dass die Nordi in London liegt, zumindest in dem London, wie ich als Burial-Freund mir immer vorgestellt habe (grau, regnerisch, komisch).

Jenny Hval – „Classic Objects“ • Ätherischer Art-Pop, musikalisch weitaus weniger zugeknöpft als die Vorgänger und auch weitaus freundlicher: Jenny Hvals neues Album spielt mit so vielen Einflüssen, dass es einfach nur Laune macht. Funky Beats mit Perkussion, dicker Synthesizer-Drone („Jupiter“), sphärische Pop-Hymnen, etwas Cheese, here we go. Wer Julia Holter und so mag, greife zu.

Swutscher – „Swutscher“ • Kunststudenten-Psych, Hamburger Schmierigkeit, mehrstimmige 60s-Gesänge, 70s-Hardrock-16tel-Klavier („Ü30“), Doors-Vibes mit Detektivfilm-Geschröggel, Western-Vibes in „Palm Royale“ und der deptimierendste Closingtrack des Jahres („Bodo“) ergeben zusammen ein sehr gutes, sprich, erstaunlich wenig peinliches deutschsprachiges Album.

Caterina Barbieri – „Spirit Exit“ • Mega Synthesizer-Mukke. Quasi Ambient, aber mit viel Schmackes und Subbässen, teilweise auch Barbieris Stimme und Future Pop-Anleihen gen Ende.

Kristina Jung – „A Wolf In Every Womb“ • Okay, ich hab das Artwork für die Platte gemacht. Nichtsdestotrotz ein richtig empfehlenswertes Album, wenn man … Folk mag? Ganz einordnen kann man es nicht. Und das macht es so gut.

Özgür Baba

Özgür Baba ist ein türkischer Musiker, der mit Cura (die kleinste Form der Saz) und Gesang und ein paar Hühnern und einer Katze sehr ergreifende und irgendwie sehr reine, großartige Musik vor einer komplett statischen Kamera spielt. Akustisch wie visuell sehr intim, Viel weiß ich sonst nicht über ihn (er hat allerdings Instagram). Er kooperiert allerdings auch mit anderen Musikern, sehr sehens- und hörenswert ist eine Session mit dem iranischen Santur-Spieler (eine Art Zither) Hamed Habibpour. Sehr entspannend und Zen.

Hania Rani

KEXP ist an sich schon so ein Sammelbecken großartigster Livesessions (und absolut kein Geheimtipp, aber dennoch mehr dazu weiter unten), aber über Hania Rani bin ich vor ein paar Tagen in einer Synthesizer-Gruppe auf Facebook gestolpert. Zwischen Synth-Arpeggio-getriebenem Ambient, Minimal Music-Querverweisen im repetetiven Klavierspiel und Boards of Canada-Pads und Vocals kommt irgendwie ganz viel Gutes zusammen. Werde ich mir sicher noch 10x angucken.

Und hier meine KEXP-Toplist (ungeordnet):

  • Der legendäre Auftritt der Psych-Space-Krachmacher SLIFT, die gefühlt nur hierdurch richtig durchgestartet sind
  • Einer der ungewöhnlicheren Momente dieser sowieso teils recht ungewöhnlichen Show: der Besuch der tuwinischen Kehlkopfknappen von Huun-Huur-Tu (wenn man traditionelle sibirische Musik mag)
  • Los Bitchos. Der Auftritt ist so saucool und lässig, dass ich mir ein Jahr lang gewünscht habe, in Kalifornien zu leben, nur um mit dieser Band abzuhängen. Bis ich rausgefunden habe, dass die Musikerinnen von ungefähr überall kommen, nur nicht aus Kalifornien. Naja. Cooler Psych-Funk-irgendwas, perfekte Sommermusik.
  • Soundmäßig (leider) einfach etwas besser als auf ihren Alben: Sólstafir aus Island. Ganz eigener Sound, von salziger See irgendwo zwischen den knarzenden Planken der Rockmusik hervorgespült.
  • Weil ich Emma Ruth Rundle einfach herbe vergöttere, kann ich dazu auch nicht viel sagen, außer: Wer das kacke findet, hat einen beschissenen Geschmack. (Plus: Sie rockt ein Alcest-Shirt. Und für die gilt annähernd das Gleiche.)
  • und nicht zu vergessen LOW (RIP Mimi), Wet Leg, Nils Frahm, …

Adam Something

Interessanter Channel, der sich bisher vor allem mit Stadtplanung auseinandersetzt, aber auch viel anderen, sonderbaren Kram auf Lager hat („Surviving Anarcho-Capitalism“). Hier eine interessante Analyse, warum العاصمة الإدارية الجديدة / al-ʿĀṣima al-idārīya al-ǧadīda / „Die neue Verwaltungshauptstadt“ Ägyptens einfach bescheuert ist. Und das alles mit einer guten Portion Ruppigkeit.