Archiv der Kategorie: Musik

Best Album of Every Country

Hier wird jeweils das beste Album aus jedem Land der Welt vorgestellt und weil das beste Land der Welt die USA ist, kriegt jeder der US-Staaten eine eigene Erwähnung. Find den Channel immer ein bisschen kontrovers, weil aufgrund von Rate Your Music- Rezensionen bewertet wird, aber das Video feier ich sehr. Gibt auch einige Überraschungen, die einem das Herz erwärmen haha (Spoiler: Das beste Album aus Ohio ist Downward Spiral von Nine Inch Nails <3 und das aus Zambia ist von Backxwash). Und natürlich noch viel mehr zu entdecken, bspw. das Noise-Album Black Ark von Carl Crack aus Swaziland.

2022 – Irgendwie doch schon

Ich weiß noch, wie ich mich Anfang des Jahres nicht soo richtig auf das musikalische Jahr gefreut habe – gab jetzt nicht viele „große“ Platten, die angekündigt waren und mich interessiert haben. Und so kam es auch: Midnights von Taylor Swift ist ne langweilige Platte und Jack Antonoff als Producer ist für mich wirklich Hit or Miss (der hat einfach Daddy’s Home und Norman Fucking Rockwell produced und dann sowas langweiliges???). Beyonce ist mir noch egaler als vorher, Harry Styles kopiert Metronomy recht langweilig und 21 couldn’t do something for me. Auch Deutschrap war (für mich) größtenteils nicht catchy, die ganzen spannenden und neuen Artists der letzten Jahre sind jetzt halt etabliert. Und ich hab 2022 endgültig den Überblick bei King Gizzard & The Lizard Wizard verloren.

Ich war das Jahr über generell eher auf nem „Nostalgie“-Trip unterwegs. Die Glow On von Turnstile läuft bei mir auch 2022 rauf und runter, Lil Peep und $uicideboy$ hör ich noch genauso gerne wie im Sommer 2017, Knocked Loose ballern rein, ich hab die Platten von Lana Del Rey wiederentdeckt und ich hör gefühlt jede Woche irgendeine andere altbekannte Band (letztens noch Einstürzende Neubauten wieder komplett reingefahren, dann Bloc Party usw.).

Gab dann aber glücklicherweise doch einiges, was mir gut gefallen hat.

Black Midi – Hellfire

Jaja, ich hatte es schon im August angeteasert und bin recht late to the party. Möchte ich trotzdem nochmal kurz erwähnt haben: Black Midi haben mich mit dem Album endlich richtig abgeholt, geiler Scheiß. Gleichzeitig sind Black Midi live auch eine richtige Wucht. Alles in allem eine sehr geile Band und aufgrund des jungen Alters der Musiker bin ich sehr auf die nächsten Jahre gespannt.

HEALTH – DISCO4 :: PART II

Irgendwie wollte ich Nine Inch Nails trotz ausbleibendem Major-Release in den Jahresrückblick bringen und HEALTH helfen mir dabei. Scherz beiseite, HEALTH laden hier interessante Acts ein (unter anderem Poppy und Lamb of God) und bringen starkes Album raus. Ich hatte auch schon Tickets für das Konzert im Junkyard, das musste ich aber kurzfristig verpassen – ich hatte mir kurz vorher bei einem anderen Konzert Corona geholt.

Bladee & Ecco2k – Crest

Naja, der Grund warum ich Covid hatte. Gleichzeitig auch das einzige Konzert im Jahr 2022, bei dem ich das Gefühl hatte, wesentlich älter als der Durchschnitt im Publikum zu sein. Das Konzert war der Hammer und die beiden (zusammen mit Thaiboy Digital) haben gezeigt, dass Innovation nicht immer augenscheinlich sein muss. Das Album ist nämlich nicht besonders aufregend in einem „krass, noch nie sowas gehört“-Sinne und auch dem Hyperpop-Label entziehen sich beide weiterhin konsequent. Vielmehr schaffen es beide auf den zuckersüßen Beats ihre Ängste und Hoffnungen mitzuteilen und schaffen so ein spannendes Album, welches man genauso nebenher wie höchst konzentriert hören kann. Das lose Konzept von „Gott suchen und finden“ ist zwar nicht richtig meins, aber sich nur von Musik gegen Gott zu ernähren ist auch nicht ausgewogen.

Zeal & Ardor – Zeal & Ardor

Dass Musik gegen Gott thematisch trotzdem geiler ist, beweist für mich das dritte Album von Marcel Gagneux. Bei dem Debüt Devil Is Fine war ich eigentlich schon vollends zufrieden – dass er sich musikalisch immer weiter entwickelt und neue Möglichkeiten nutzt, feier ich aber mindestens genauso.

Es ist für mich zwar nur das drittbeste Zeal & Ardor-Album, aber das reicht immer noch locker, um von mir sehr gerne gehört zu werden.

Fontaines D.C. – Skinty Fia

Mein Album des Jahres, mega geile dritte Platte. Die Irische Diaspora in London fühle ich natürlich nicht persönlich, aber ich bin beeindruckt davon, wie emotional und eindringlich Fontaines immer noch klingen können. Auch die Weiterentwicklung der Band ist spürbar zu hören, jeder Song ist n persönlicher Instant Classic.Auch live haben die Songs richtig gut in die Setlist gepasst und es ist für mich ein geiles drittes Album. Und irgendwie fühl ich mich bei jedem Mal hören doch ein bisschen irisch (haha, Scherz..oder?).

Die Nerven – Die Nerven

Für mich das geilste deutschsprachige Rockalbum. Ich fand die Nerven vorher immer etwas sprunghaft und hab sie nicht nicht richtig greifen können, aber mit dem Album haben sie mich gepackt. Ist auf sehr schöne Art zeitgemäß und die klugen Texte regen mich immer wieder zum Nachdenken an. Die Lavender Town-Inspiration für 180° macht es noch besser. Und das beste: Vor allem bei den ersten beiden Tracks hat man endlich mal wieder die Gelegenheit wütend zu werden. Hand aufs Herz, wann hat das das letzte Mal bei euch neue Musik geschafft?

Weitere Alben, die ich echt nice fand:

OG Keemo – Mann beißt Hund (bester Deutschrap-Release für mich)

$uicideboy$ – Sing Me A Lullaby, My Sweet Temptation (Bin in erster Linie froh, dass ich die neuen Sachen immer mal wieder hören kann und das Album nicht komplett kacke finde. Sind einige Banger bei)

Russian Circles – Gnosis (Niceeee)

Kae Tempest – The Line Is A Curve (weinen)

Fjørt – nichts (wächst mir immer mehr ans Herz)

Wet Leg – Wet Leg (Siehe die Rolling Stone Best Albums Review… lol)

Audio88 & Yassin – Back im Game Vol. 1 (solide Platte)

Dreamville, Various Artists – D-Day: A Gangsta Grillz Mixtape (STICK)

Denzel Curry – Melt My Eyez See Your Future (Nur Liebe für Denzel Curry)

Bad Bunny – Un Verano Sin Ti (bin ich ehrlich, gefällt mir wirklich)

Yung Hurn – Crazy Horse Club Mixtape, Vol. 1 (Ist wirklich mal was anderes und mir gefällt’s, weil ich ein Elfbar hab)

Crosses – PERMANENT.RADIANT (Bis auf Day One, unglaublich ekliger Track. Bah)

Soul Glo – Diaspora Problems (Möchte ich unbedingt mal live sehen)

Das waren dann doch mehr als ich Anfang des Jahres dachte und das ist auch gut so.

Auf nächstes Jahr freue ich mich dann aber richtig, zumindest gefällt mir diese Aussicht sehr gut.

2022 Edelbräu

Wenn Du das Leben aushalten willst,
richte Dich auf den Tod ein.

Sigmund Freud

Große Kunst wird in schwierigen Umständen geboren, sagt man: Punk in den Schmelzöfen des dahinbröckelnden Englands der 70er, Las Ketchup als euphorischer Befreiungsschlag in der kollektiven Schockstarre nach 9/11, Weezer aus den American Pie-verkrusteten Hormonsümpfen der US-Colleges als Mahnmal dafür, wie scheiße die 90er doch auch waren. Eigentlich müsste 2022 also die Zeit für große Kunst sein. Und abgesehen von der Entwicklung der „Technoszene“ (tbh, was will man erwarten, wenn eine Szene komplett mainstreamtauglich wird?) und ein paar enttäuschenden Releases (neue Haft erst kacke, dann ok, letzte Naxatras erst gut, dann corny) ist es doch gar nicht so schlimm gewesen. Auf die Zeit reagiert haben auf jeden Fall diese Leute:

„Why do people have to live outside / In the brutal heat or when it’s below freezing?“ brüllen uns Chat Pile wütend auf auf ihrem Debüt entgegen. Zeit, hartes Gerät rauszuholen und berechtigt angepisst alles an defensiver Architektur in der Umgebung wegzuflexen, und God’s Country liefert den idealen Noise-/Sludge-Soundtrack dazu. Ähnlich viel Frustration über den Status Quo haben Die Nerven in EUROPA gebündelt, und ich glaube „ICH STERBE JEDEN TAG IN DEUTSCHLAND“ ist mein Lieblings-Songtitel des Jahres.

Um den Rest der Liste nicht komplett mit Links zuzuhämmern: Hier ist meine Best-Of-Playlist

Ach, das war dieses Jahr?

Etwas aus der Reihe der „Besten Releases 2022 (für mich persönlich)“ fallen ein paar sehr gute Sachen, bei denen ich erst in der Jahresabschlussanalyse (also in den letzten paar Wochen) gecheckt habe, dass sie überhaupt erschienen sind. Im Bereich des Black Metal sind das aktuelle, sehr vielseitige Album der Kölner von Ultha, die neue von Wiegedood sowie die US-Post Black Metal-/Sludge-/Doom-Kollaboration der sowieso sehr kollaborationsfreudigen Mizmor und Thou – vielleicht die beste Kollaboration zweier Bands dieses Jahr (– die auch noch eine super Single noch mal erweitert um Emma Ruth Rundle gedropped hat).

(Ein Sonderfall ist die sehr beachhousige letzte Beach House – ich dachte einfach, dass die schon 5 Jahre alt ist. Spricht sowohl für als auch gegen das Album?)

Der ganze Hip-Hop-Kram und so

Als Hip Hop- und Rap-Semiprofi (sprich: ich habe eigentlich kaum Plan) war ich gar nicht mal so enttäuscht von der neuen Kendrick Lamar, ich fand sie sogar ziemlich gut. Allerdings auch ein bisschen lang. Highlight: „We Cry Together“ und „United in Grief“. Die besten Raplines des Jahres gehen aber definitiv auf das Konto von Action Bronson: „Hit your bitch with a banana boat“ ist die behämmertste Punchline so far, und das ganze Album strotzt nur so vor schrägen Texten und gewohnt nicen Beats mit ewig vielen Samples. Auch zu erwähnen ist Back im Game Vol. 1 von Audio88, Yassin & Torky Tork sowie die neue Denzel Curry („John Wayne“ einfach catchy AF, aber die Feature Artists sucken leider ein bisschen teilweise).

Richtig dicke, Astro-Scheiße beiseite: Remember Your North Star von Yaya Bey. Feministischer, heftiger R&B, mega nice aufgebaut, relativ wenig bis ca. gar kein Blatt vorm Mund.

You are doomed!

Dadurch dass wir uns dieses Jahr echt enorm viel mit Mother Bear beschäftigt haben, habe ich auch enorm viel Doom und Stoner gepumpt.

Kurzgefasst meine Top-Picks:

Ufomammut „Fenice“ • Spacig, mächtig, irgendwie mystisch.
BongBongBeerWizards – „Ampire“ • Geil, dass sowas aus Dortmund kommt; richtig dicke Wand an Amp-Worship.
Nebula – „Transmission From Mothership Earth“ • Gut zum verkifft Skateboard fahren, glaube ich, ich kann aber nicht skaten. Sehr verspulter Kram.
Conan – „Evidence of Immortality“ • Caveman battle doom. What more to say.
Boris – „W“ • Zwischen Drone, Ambient, Doom, sonstwas, mega Spektakel.

Der Top-Shit

Fontaines D.C. – „Skinty Fia“ • Zugegeben, beim ersten Hören war ich kurz skeptisch, was auch der etwas cleaneren Produktion und dem gedrosselten Tempo verschuldet sein mag, aber diese wilde Mischung aus Jogginghosen-Lyrik, Shoegaze-Anleihen („Nabokov“), Dubliner Schnodderigkeit, etwas Pathos und einem Sven Regener-Gedächtnismoment bei „The Couple Across The Way“ hat mich mittlerweile so dermaßen im Bann, dass ich das Album wohl öfter als jede andere Neuerscheinung des Jahres gepumpt habe. Muss man eigentlich nicht viel zu sagen, außer dass Fontaines D.C. immer noch die Band der Stunde im Postpunk/Indie/britischem Rock-Sektor sind (sorry Folks, natürlich Irisch – warum lässt man euch die Liebe zum Vaterland durchgehen? Egal). Es gibt auf Netflix übrigens eine coole Performance des unglaublich guten Vorgängers – A Hero’s Death.

GGGOLDDD – „This Shame Should Not Be Mine“ • GOLD heißen nun GGGOLDDD und auch sonst hat sich einiges getan bei der niederländischen Band um Milena Eva und Thomas Sciarione (seines Zeichens ex-Gitarrist bei den leider todesfallbedingt aufgelösten Okkultrockern The Devil’s Blood (unbedingter Hörtipp: die Come, Reap-EP). Zwar hat sich die Band schon immer durch echt finstere, aber schöne Texte über die Schattenseiten des Lebens hervorgetan, aber auf „This Shame Should Not Be Mine“ erzählt Milena Eva fragmentarisch die Geschichte einer Vergewaltigung in ihrer Jugend. Harter Tobak, allerdings krass gut erzählt und als Album ein unglaublich vielschichtiges, heftiges Konstrukt, in dem wenig Versatzstücke der Vorgängeralben (eingängige Hooks, düsterer Gitarrenrock mit 80s-Einschlag) geblieben, dafür aber allerhand Neues und Spannendes (elektronische Drums, Samples, Streicher, arabeske Melodieführung) hinzugekommen ist. Und ein wenig Black Metal-Riffing schimmert auch stets durch. Komplettiert von einem mega Albumcover für mich eins der rundesten Dinger des Jahres.

SHXCXCHCXSH – „Kongestion“ • Eine Gabber-Kick, 90s-Synthgeschosse, die durch den Raum jagen, Störgeräusche, Techno ohne Techno. Was man außer „die verwursten hier irgendwie voll viel Rave-Kram, ohne dass das so Rave-Kram ist, mit bisschen Breakbeat und Noise und bisschen IDM auch und vielleicht etwas Dub, kein Plan? Ist herbe geil einfach“ sagen sollte, weiß ich nicht. Ich glaube so klingt ein (guter) Technoclub, wenn man in Ich-Auflösung durchschweben würde.

Cosmic Guilt – „Cosmic Guilt“ • Manchmal stelle ich mir vor, wie es wäre, Trucker in den USA zu sein. Schön mit Marlboro im Maul, fleckige Blue Jeans, Dose Bud Light im Kaffeehalter und zwischendurch „Damn son“ nuscheln. Im Radio würden Cosmic Guilt laufen (ein quasi-Allstarprojekt mit u.A. Jillian Taylor von Ruby The Hatchet) und das so dermaßen herzerwärmend schöne Album würde mich wünschen lassen, gemütlich mit einem Glas Whisky im Schaukelstuhl auf der Veranda zu sitzen setzen (eigentlich finde ich Schaukelstühle echt beschissen) und ausnahmsweise mal keine Hippies mit der Schrotflinte verjagen zu wollen. Super catchy Refrains, bisschen Fleet Foxes, bisschen Kurt Vile, alles fein.

Emma Ruth Rundle – „EG 2: Dowsing Voice“ • Zu meiner etwas creepy gewordenen ERR-Verehrung muss ich zumindest hier glaube ich nix mehr sagen. Dieses Jahr hat dieses Schweizer Taschenmesser der Musikwelt nicht nur eine Single mit Thou und Mizmor (Blackgaze-Gebretter royale) und eine EP mit zwei quasi-Folgestücken zum wahnsinnig guten Vorgänger und einem Orgelstück (Pump Organ Song) rausgebracht, sondern auch endlich eine auf Spotify nicht veröffentlichte Nachfolge zu ihrem ersten Album veröffentlicht: „EG2: Dowsing Voice“. Gitarre, Stimme, Effekte, Fieldrecordings; komplett wirsch, düster und sonderbar. Kann ich nicht besser einordnen, aber ich bin auch befangen. Jan hatte es als irgendwas á la „Enya 2022“ bezeichnet, kann sein, kann auch nicht sein.

Kae Tempest – „The Line Is A Curve“ • Was soll man hierzu schreiben? Kae Tempest rasiert auf ganzer Linie. Spoken Word-/Rap-Overkill vom Feinsten. Beats zum Hinknien. Produktion on fleeeeek. Wie zu erwarten heftige Texte. Und natürlich bri’ish A F. Hat mir etwas das Gefühl gegeben, dass die Nordi in London liegt, zumindest in dem London, wie ich als Burial-Freund mir immer vorgestellt habe (grau, regnerisch, komisch).

Jenny Hval – „Classic Objects“ • Ätherischer Art-Pop, musikalisch weitaus weniger zugeknöpft als die Vorgänger und auch weitaus freundlicher: Jenny Hvals neues Album spielt mit so vielen Einflüssen, dass es einfach nur Laune macht. Funky Beats mit Perkussion, dicker Synthesizer-Drone („Jupiter“), sphärische Pop-Hymnen, etwas Cheese, here we go. Wer Julia Holter und so mag, greife zu.

Swutscher – „Swutscher“ • Kunststudenten-Psych, Hamburger Schmierigkeit, mehrstimmige 60s-Gesänge, 70s-Hardrock-16tel-Klavier („Ü30“), Doors-Vibes mit Detektivfilm-Geschröggel, Western-Vibes in „Palm Royale“ und der deptimierendste Closingtrack des Jahres („Bodo“) ergeben zusammen ein sehr gutes, sprich, erstaunlich wenig peinliches deutschsprachiges Album.

Caterina Barbieri – „Spirit Exit“ • Mega Synthesizer-Mukke. Quasi Ambient, aber mit viel Schmackes und Subbässen, teilweise auch Barbieris Stimme und Future Pop-Anleihen gen Ende.

Kristina Jung – „A Wolf In Every Womb“ • Okay, ich hab das Artwork für die Platte gemacht. Nichtsdestotrotz ein richtig empfehlenswertes Album, wenn man … Folk mag? Ganz einordnen kann man es nicht. Und das macht es so gut.

Ein vollkommen uninspirierter musikalischer Jahresrückblick meinerseits

Jan hat mich gerade nochmal per Telegram befeuert doch auch mal meinen Senf zu der Jahrmarktsbratwurst, die für mich die Musikwelt 2022 war, dazuzugeben, denn genau so fühlte sich musikalisch dieses Jahr für mich an: Viele alte Würste, die am Rand des Schwenkgrilles lagen, die ich erst dieses Jahr für mich zu genießen gelernt habe und genau das richtige für meinen Magen in diesem Moment waren.


Wirklich neues hab ich für mich nicht entdeckt, keine neue hippe Tofuwürstchen aus Ost-Asien mit fermentierten Sojachunks, keine neue Curry-Mischung für die Currywurst, sondern alt-bewährtes, was in den letzten Jahren einfach an mir vorbeigangen war und ich nun endlich wie ein besoffener auf dem Rummel namens Spotify zufällig draufgestossen bin.

Anfang des Jahres ist mein fiktives betrunkenes ich defintiv per Zufall an die Bierbank mit alten bärtigen Jungs in Lederkutten gelandet.

Dort entdeckte ich für mich das Album II von Cursed, ein Hardcore Punk Album von 2005 mit Sludge einflüssen; Power Violence von Flouride mit dem Album Disentanglement aus 2019.

Weiter treibte es mich an die Screamo-Theke mit der Last EP von Ostraca aus 2017 und für mich frische Klänge in der Form des Screamos mit weiblichem Gesang durch Closer mit dem Album All This Will Be aus 2018 und meiner offiziellen „Harte-Musik-Entdeckung-des-Jahres“ Nuvolscura mit dem Album As We Suffer From Memory & Imagination aus 2020:

Weiter ging die Reise in die Richtung was Brauer und Biersnobs „Lichtgeschmack“ nennen und für normale Leute einfach der Geruch ist, wenn man im Sommer ein Brinkhoff’s im Westpark öffnet: Hier riechts nach Weed, muss wohl Frederics Hip-Hop-Liste des Jahres sein:

Bei Hip-Hop bin ich dieses Jahr aktueller unterwegs, was aber nicht bedeutet, dass für mich neue Künstler auf der Liste gelandet sind, es sind durch die Bank Künstler, die ich schon in den letzten Jahren gehört habe und für mich einfach sowas wie Soulfood sind, aber an den meisten Dingen isst man sich doch auch mal schnell satt.

Das erste nennenswerte Album des Jahres für mich war Continuance von Curren$y. Es ist halt Curren$y über Alchemist Produktion, viel falsch kann da nicht laufen sollte man denken, wobei ich dieses Jahr überraschend oft von Alchemist + Rapper Kombinationen enttäuscht war und für mich war es das Standout Album dieses kleine Subgenre.

Generell gab es für mich im Hip-Hop viele Enttäuschungen dieses Jahr, inkludierend viele Alben, die im Internet ultra gehyped waren aber bei mir einfach nicht ankamen: Kendrick, Pusha T, Knucks, Lupe Fiasco, Joey Bada$$, Danger Mouse/Black Thought, Gibbs, R.A.P. Ferreira, JID, Earthgang, die Griselda Crew und viele weitere haben mich einfach nicht so umgehauen, obwohl es fast eine Liste meiner GOATs ist.

Meine Erwartungen erfüllt haben und ist mal defintiv ein reihnhören wert:

MAVI- Let the Sun Talk und Laughing so Hard, it Hurts

billy woods – Church

Wiki – Cold Cuts

Smino – Luv 4 Rent

$ilkMoneyI Don’t Give a Fuck About This Rap Shit, Imma Just Drop Until I Don’t Feel Like It Anymore

Earl Sweatshirt- SICK!

OG Keemo – Mann Beisst Hund (Kuss an Jan)

Meine Lieblingsalbum aus dem Genre gehört dieses Jahr aber für mich Quelle Chris mit Deathfame. Auch wenn es wieder mehr von dem alten bekannten Sound von Quelle Chris ist, ist es für mich das stimmigste Hip-Hop Album was dieses Jahr erschienen ist.

Wenn man sonst meinem Spotify Wrapped trauen darf, gibt es noch zwei Alben zu besprechen. Das erste ist ein Album was sich um ein Jahr verspätet in meine Bibliothek geschlichen hat, tatsächlich wegen einer Ende-des-Jahres-Empfehlung von einem Kumpel. Es handelt sich um ein Ambient-Pop Album namens Wave Your Moonlight Hat For the Snowfall Train vom kanadischem Duo You’ll Never Get to Heaven und ist gerade für die kalte Jahreszeit sehr zu empfehlen, Pink and Gold and Blue ist für mich definitv der Standout Track des Albums.

Aber ein 2021 Album mein Album des Jahres zu nennen fände ich etwas falsch. Deswegen folgt etwas widerwillig mein Favorit nun. Widerwillig weil das Album nach erstmaligen Hören es nicht in meine Rotation geschafft hat und erst nach erneutem Hinsetzen mich erst wirklich überzeugt hat, aber dann auch richtig. Aber lang um den heißen Brei geredet ist:
Ants From Up There- Black Country New Road

Ich bin mal sehr gespannt auf Euren Jahresrückblick. Vielleicht entdecke ich dann ja wieder ein Jahr verspätet eine schrumplige Bratwurst an dem Rand des Grills.

Damian Luck is back with another banger

Das ist lowkey der aktuell am heftigsten wachsende YouTube-Channel aus den USA. Aber was geht ab in Dabbington City?

Der original Fulcrum ist immer faded in irgendwelchen Läden, filmt sich dabei und haut ikonische Sprüche raus. Need I say more?

Geiler Typ und seine Videos haben für mich die von Abu Sultan (die alte Bocke wissen) abgelöst. Der lädt ja anscheinend leider keine Videos mehr hoch

Özgür Baba

Özgür Baba ist ein türkischer Musiker, der mit Cura (die kleinste Form der Saz) und Gesang und ein paar Hühnern und einer Katze sehr ergreifende und irgendwie sehr reine, großartige Musik vor einer komplett statischen Kamera spielt. Akustisch wie visuell sehr intim, Viel weiß ich sonst nicht über ihn (er hat allerdings Instagram). Er kooperiert allerdings auch mit anderen Musikern, sehr sehens- und hörenswert ist eine Session mit dem iranischen Santur-Spieler (eine Art Zither) Hamed Habibpour. Sehr entspannend und Zen.

Hania Rani

KEXP ist an sich schon so ein Sammelbecken großartigster Livesessions (und absolut kein Geheimtipp, aber dennoch mehr dazu weiter unten), aber über Hania Rani bin ich vor ein paar Tagen in einer Synthesizer-Gruppe auf Facebook gestolpert. Zwischen Synth-Arpeggio-getriebenem Ambient, Minimal Music-Querverweisen im repetetiven Klavierspiel und Boards of Canada-Pads und Vocals kommt irgendwie ganz viel Gutes zusammen. Werde ich mir sicher noch 10x angucken.

Und hier meine KEXP-Toplist (ungeordnet):

  • Der legendäre Auftritt der Psych-Space-Krachmacher SLIFT, die gefühlt nur hierdurch richtig durchgestartet sind
  • Einer der ungewöhnlicheren Momente dieser sowieso teils recht ungewöhnlichen Show: der Besuch der tuwinischen Kehlkopfknappen von Huun-Huur-Tu (wenn man traditionelle sibirische Musik mag)
  • Los Bitchos. Der Auftritt ist so saucool und lässig, dass ich mir ein Jahr lang gewünscht habe, in Kalifornien zu leben, nur um mit dieser Band abzuhängen. Bis ich rausgefunden habe, dass die Musikerinnen von ungefähr überall kommen, nur nicht aus Kalifornien. Naja. Cooler Psych-Funk-irgendwas, perfekte Sommermusik.
  • Soundmäßig (leider) einfach etwas besser als auf ihren Alben: Sólstafir aus Island. Ganz eigener Sound, von salziger See irgendwo zwischen den knarzenden Planken der Rockmusik hervorgespült.
  • Weil ich Emma Ruth Rundle einfach herbe vergöttere, kann ich dazu auch nicht viel sagen, außer: Wer das kacke findet, hat einen beschissenen Geschmack. (Plus: Sie rockt ein Alcest-Shirt. Und für die gilt annähernd das Gleiche.)
  • und nicht zu vergessen LOW (RIP Mimi), Wet Leg, Nils Frahm, …

Gerhard Müller

Gerhard Müller muss nicht weiter vorgestellt werden. Internetlegende, Schlagerstar, Merchandise-Gott, Telegram-Verschwörer, Freund von Geistheiler Sanada, Erleuchteter, Nationalromantiker, Schwurbler, Romantiker, unvergessen seine Hits „Amore Amore am Lago Maggiore“ und „Kristallenergie“.

Wer richtig Bock auf kompletten Mindfuck hat, gönne sich random Videos auf seinem YouTube-Channel (die Fanpost-Vorlesungen sind göttlich), scrolle durch die Kommentare und besuche unbedingt seine Website. (Der Telegram-Channel zieht allerdings eher runter.)

Worble III

Skatevideos, eigentlich immer nett. Das hier ist nicht nur nett, sondern auch sonderbar. Ist es ein Skatefilm? Ist es ein Musikvideo? Niemand weiß es so recht. Zwischen sehr hübsch geschnittenen Szenen mit mal mehr, mal weniger spektakulären Tricks tauchen im kompletten 80s-Look Aufnahmen der Band „Cobra Man“ auf, die den Soundtrack beisteuert (oder eben andersrum) … nun ja, mehr nach 80er aussieht, als die 80er selbst. Macht Laune, kann man gut gucken.

Most overused Sounds

Als Age Of Empires 2 Spieler (bis heute) kann ich nur sagen: Ich kannte NATÜRLICH die meisten Sounds des Videos schon..

Ne ehrlich, schon krass wie viele Sounds immer wieder benutzt werden. Weiß man ja irgendwie immer und die meisten Sounds sind weit davon entfernt Geheimtipps zu sein, aber ich wette: Jede Person mit etwas Soundverständnis kennt locker mindestens 5 Sounds aus dem Video aus irgendwelchen Filmen, Games, dem Tatort oder sonst was (Auch ohne Aoe2 gespielt zu haben).

Roto Ralle !

Ralph Bakshi, seines Zeichens Regisseur von Trickfilmen wie „Fritz the Cat“ oder dem ersten „Herr der Ringe“ und einigen anderen, oft sleazy schnodrig wirkenden 70er Jahre Farbbomben ist sowas wie der Gegenentwurf zum Japanischen Anime, immer etwas lauter, dreckiger und drüber weg. Viele seiner Filme entstanden im Rotoskopie-Verfahren, echte Schauspieler wurden Bild für Bild übermalt, Flächen coloriert, Sets gezeichnet. Das schafft oft bizarr anmutende Bilder, gerade die „Herr der Ringe“ Verfilmung ist stellenweise Creepy as Hell. Gerade bin ich über Ausschnitte des mir unbekannten „American Pop“ gestolpert, ein Film über die amerikanische Musikgeschichte, eine Aufarbeitung ihrer Epochen als psychedelischer Reigen, Heureka. Lou Reed, Hendrix, Woody Guthrie…… zieht Fäden in der Hypophyse.

Mariah Carey hat ein unveröffentliches Grunge Album- wtf

Letztens schrieb ich noch über Outsider-Music und Daniel Johnston, der maßgeblich am Grunge Sound beteiligt war und heute wach ich zu der Nachricht auf, dass Mariah Carey, die Frau, die Interviews nur im Liegen gibt, 1995 ein Grunge Album gemacht hat, um sich von Ihrem Pop-Stress abzulenken. Wie sagt die Jugend? Based.

„Carey described the project — recorded after long days in the studio while working on hits such as „Always Be My Baby“ — as an outlet for herself during a period when she felt particularly constrained. „I had no freedom during that time. That was my freedom, making that record,“ she told the podcast.“

Ich kann es persönlich kaum erwarten es zu hören, wie einer DER Popstimmen Grunge singt.

All My Homies Hate Skrillex

Diese Doku ist zwar absolut kein Geheimtipp mehr, aber weil ich sie so oft weiterempfehle (meistens, um zu erklären, warum man Dubstep mag und was daran so cool ist), hat sie hier auch ihren Platz verdient. Ein Fan, der die Entstehung des Genres als „Hörer“ (weil damals noch knapp zu jung zum feiern gehen) fein säuberlich und natürlich mit allen Bangern des Dubstep unterfüttert aufrollt und dabei ein paar interessante Thesen aufstellt? Check. Außerdem, Leute, Burial ist auch Dubstep, also keine Angst, schließlich liebt jeder Mensch Burial.

Ka droppt still und heimlich zwei neue Alben: Languish Arts and Woeful Studies

Underground Rapper und hauptberuflicher Feuerwehrhauptmann aus Brookly droppte gestern seine Alben 9 und 10 auf seiner Website und ein Musikvideo für die Single Ascension. Für alle, die Ka nicht kennen:

Ich bin auf Ka durch sein Projekt Orpheus vs. the Sirens zuerst aufmerksam geworden, welches er unter dem Namen Hermit and the Recluse 2018 released hat. Es war direkt eines meiner Lieblingsalbum des Jahres und bis heute ich höre noch regelmäßig rein. Ka ist ein Rapper, der extrem viel Wert auf die lyrische Seite des Rap legt. Seine Texte sind voll mit Metaphern, Wortspielen und Referenzen, die sich bei Orpheues vs. the Sirens thematisch in die griechische Mythik einreihen; seine Beats sind extrem zurückgenommen und meist selbst produziert, oft rappt er quasi über Ambient-Tracks, was weiter seine Texte in den Vordergrund schieben, während er sich selbst, was ja überaus selten in Ami-Rap ist, in den Hintergrund stellt. Trotzdem bietet Kas Musik für mich noch genug Vibe, dass man auch ohne nebenbei die hervorrangenden zu lesen die Musik einfach genießen kann.

Ich habe persönlich leider gerade nich das Cash rumliegen, um ihn $40 für beide Alben in den Rachen zu schieben, aber ich freue mich schon darauf, wenn er die Alben in ein paar Wochen auf Streaming Plattformen hochlädt. Bei denjenigen, wo die Knete lockerer sitzt, kann man hier einen echten Independent-Rapper unterstützen, bei dem die Kohle nicht bei irgendwelchen Schlipps-Trägern landet.

Gnod

Seit Jahren verfolgen mich Gnod, ohne dass ich sie selber richtig verfolgt habe. Das liegt vor allem an meinem sonderbar erzogenen Spotify-Algorithmus, der mir Gnod fast jede Woche in den Mix der Woche wirft. Das ist mir aber erst nach einer Weile aufgefallen, weil Gnod wirklich jedes Mal anders klingen.

Die Band ist ein ständig durchrotierendes Musik-Kollektiv, zumindest der Sänger und ein paar andere Leute sind aber wohl jedes Mal dabei. Von super freundlichem 2010er-Loop-Psych und ätherischem Spacerock auf Gnod Drop Out With White Hills (zusammen mit, überraschung, White Hills) schnodderte sich die Band über ein ähnlich psychedelisches, aber weit kratzigeres Nachfolgealbum hin zu einem elektronischerem, teils Industrial-inspirierten Sound auf „Infonity Machines“ (es gibt sogar einen Boiler Room-Mitschnitt ohne klassische Instrumente), nur um dann in die übellriechende Pfütze aus Angepisstheit („Mirror“, viel Noiserock, recht Idles-verwandt, 2016) zu schlittern, aus denen ich die Band das erste Mal bewusst gefischt habe. Um darauf folgend ein 90s-Noiserockalbum (JUST SAY NO TO THE PSYCHO RIGHT-WING CAPITALIST FASCIST INDUSTRIAL DEATH MACHINE) mit gleichbleibender Wut, aber catchy Hooks und einem Funken Optimismus rauszuhauen.

Ein paar Sachen bleiben jedoch immer ähnlich: Dringlicher Gesang, viel Repetition, viel Abwechslung. Ich empfehle wirklich ausdrücklich, durch ein paar Alben zu skippen, denn so richtig erklärt kriegt man das hier alles nicht. Hier dann eine sehr Garage-lastige Bock-auf-Abriss-Nummer:

Nine Inch Nails Woodstock 1994

Durch die Netflixdoku sind ja viele Leute auf das Desaster von Woodstock ’99 aufmerksam geworden, also nutze ich mal die Gelegenheit auf das fünf Jahre vorher stattfindende 25 Jahre-Jubiläumsfestival hinzuweisen (Und naja, auch hier gab’s Tote und Verletzte). Als Bands waren unter anderem Green Day, Grateful Dead, Red Hot Chili Peppers, Aphex Twin und Bob Dylan dabei. Die größte Menschenmenge der über 350.000 Besucher:innen versammelte sich aber vor Nine Inch Nails. Die Band hatte kurz vorher im Schlamm gewrestlet und war generell ziemlich wasted, aber der Auftritt war ja nun mal Teil der „Self Destruct“-Tour.

Der Auftritt von Happiness In Slavery bekam später den Grammy für die beste Metal Performance und auch die restlichen Songs sind mit einer unglaublich destruktiven Wucht gespielt. Unter anderem werden hier Closer und Wish zum besten gegeben, die Single Burn (zum Film Natural Born Killers) performt sowie Suck (Pigface, wovon Trent kurz Teil war) und Dead Souls (Joy Division für The Crow) gecovert. Mega skurril, dass der gleiche Trent Reznor später einen großen Teil zur erfolgreichsten Single der US-Geschichte (Old Town Road) und Musik zu Filmen wie The Social Network, Bird Box und Soul beitragen wird.

Übrigens, was persönliches: Während Nine Inch Nails auftraten, wurde ich ein paar hundert Kilometer entfernt in Cincinnati geboren. Mein Vater erzählt immer mal wieder, dass er das Konzert live im Wartesaal geguckt hat. Ich bin zwar nicht abergläubisch, aber das erklärt irgendwie ganz gut, warum NIN meine absolute Lieblingsband ist..

Texas Outsiders, Next Level

Da der gute Daniel Johnston hier lobenswerterweise schon Eingang gefunden hat, möchte ich auf das tolle Texanische „Sage Studio“ hinweisen. Hier seht Ihr Rick Fleming, VHS-Video Aficionado, Musiknerd und Ausnahmekünstler aus Texas. Es macht unglaublich Laune auf der Galerieseite zu stöbern und Snake Plisken ziert jetzt übrigens meine Wohnzimmerwand. Weit weg von karitativer Kunsttherapie, knietief in der Popkultur.

Art studio and gallery | Austin | SAGE Studio (sagestudioatx.com)

The Beautifully Strange World of Outsider Music & The Devil and Daniel Johnston

Ich bin während des Lockdowns letzten Jahres auf dieses sehr interessante Video über Outsider Music gestoßen:

Gepackt von dem Thema und „True Love will find You in the End“ von Daniel Johnston, begab ich mich auf weitere Recherche. Dabei fand ich diese unglaubliche Doku über Daniel Johnston namens The Devil and Daniel Johnston. Mit einem Certified Fresh Rating und Audience Score von 91% bei Rotten Tomatoes, zeigt diese Doku mithilfe von extrem vielen Aufnahmen durch Daniel selbst und Zeitstimmen von u.a. Sonic Youth das Porträt eines zu tiefst gestörten Künstlers und seiner Auseinandersetzung mit sich selbst, seiner fundamental christlichen Familie, einer fanatischen Jugendliebe, dem Teufel und Casper, dem freundlichen Geist.

Leider finde ich im Internet nur eine Version mit spanischen Untertiteln, die manchmal im Weg sind, falls wer was besseres findet, HMU. Trotzdem kann ich diese Doku jedem Menschen wärmstens Empfehlen, der ein Herz für strange Musik, Grounge oder slice of life Filmen ala Slacker von Richard Linklater hat.
Hier der Link:
https://www.dailymotion.com/video/x2hv6zm

Über eine Band, die Musikgeschichte schrieb, aber mit dem Wilden Westen aufräumte

Wer kennt noch diesen jungen, gutaussehenden, aber wenig sympathischen jungen Mann? Lester Bangs gilt als Erfinder des modernen Musikjournalismus und schrieb sich mit seinen Verrissen in die Herzen der Kinderzimmer der 1970er Jahre ein. 1982 verstarb Bangs viel zu früh. Sein Gesamtwerk inspirierte die ganz großen Schreiberlinge über Musik. Greil Marcus zum Beispiel, der mit Mystery Train das beste Buch darüber verfasste, wie der American Dream in der Popkultur Amerikas verhandelt wurde, veröffentlichte mit Psychotic Reactions and Carburetor Dung gesammelte Schriften von Bangs.

Zu Lebzeiten hatte Bangs sich geschworen, gegen den Mief der Eagles anzuschreiben. In seinem Artikel How The Eagles Cleaned Up the Wild West, der im Oktober 1976 in der Zeitschrift Music Gig erschien, schreibt er, wie die Eagles den einstigen Rockstar, den Rebel without a Cause, der wohl für immer mit James Dean assoziiert werden wird, zu Grabe tragen. Die Eagles standen für ihn für eine neue Form von Walt Disney Cowboytum. In Midnight Flyer, so Bangs, „da ist alles wie isoliert und wohltemperiert, keine Bohne von Staub oder mal ne Lunge voll Kohlenmonoxid“, der Vagabund erscheint in Limousine mit Air Condition.

Hätte das alles sein müssen? Natürlich nicht. In Kalifornien produzierten Musiker zur Zeit als Midnight Flyer released wurde (1974) sanfte, aber dennoch wieder ernst zu nehmende Rockmusik. AOR, Adult oder für andere Album Oriented Rock erblickte in Abgrenzung zu Bands wie Bay City Rollers das Licht der Welt. Blue Eyed Soul und Yacht Rock spiegelten einen neuen Zeitgeist wieder, der nicht mehr darin bestand, wie in Zeiten von Woodstock die Welt zu verändern und zu retten, sondern im neoliberalen Sinne – auf dem Punkt gebracht durch den Siegeszug der Droge Kokain – zu proklamieren, dass der Welt doch geholfen sei, wenn jeder sich um sich selbst kümmert und die Wunden des Weltschmerzes selber heilt. 2014 ist im Berliner Tagesspiegel dazu ein überaus lesenswerter Artikel veröffentlicht worden.

Als Acid House und Ecstasy die britische Fußballkultur befriedete

Ender der 1980er Jahre brach der zweite Summer of Love an. Aus den USA erreichte Acid House, so wie es seit den 1950er Jahren durchaus üblich war, zuerst die britischen Insel(n) und erreichte wenig später das europäische Festland.

1988 schlagzeilte die NME: „Acid Crackdown in the Streets of London?“ Die britische Öffentlichkeit war in Panik. Die Sorge war groß, dass die Jugend des eigenen Landes Großbritannien erneut auf der internationalen Bühne in einem schlechten Licht dastehen lassen könnte.

Peace, Love and Harmony stand jetzt auf der Tagesordnung. Wie sehr die neue Feierei das Land kulturell veränderte, zeigt der Blick auf den mit der Ankunft von Acid House beginnenden Wandel der Fußballkultur. Füllte einst die Rivalität und Gewalt zwischen den Football Firms die Seiten der britischen Tabloid Press, gab es nun wichtigeres zu tun als sich gegenseitig aufzulauern und einzuschenken. Suddi Raval, UK Rave Ikone, erinnert sich:

It [Acid House] helped bring about an end to football violence in ways that no one could have predicted. It is ironic that the, then Tory government tried to kill acid House because they also tried to control football violence. How funny that it took Acid House to do that? Many of the people who took part in football violence did so because there was so little else to do for many working class lads. Fighting with your rival teams gave Football Casuals something to do when life was pretty dull and eventless and with unemployment so high in the 80’s and social tensions reaching fever pitch, people had little money but then along came Acid House.    A lot of the people who said they switched from fighting to clubbing said they would never have been friends with the people they were previously fighting with but Acid House and the euphoric feeling it gave left them uninterested in clenching their fists and instead had them reach for the stars as they rejoiced in the newfound scene and everything that went with it.

https://closerthanmost.com/blogs/news/suddi-raval-a-brief-history-of-acid-house

Mehr bietet übrigens Jeremy Dellers Doku, die 2019 auf BBC Four erstmals ausgestrahlt wurde.

PJ Harvey – „Rid of Me“

Durch Peaky Blinders* bin ich dazu gekommen, wieder mehr PJ Harvey zu hören (passend zum Zeitgeschehen: 2013 hat Polly Jean Harvey von Queen Elisabeth II den OBE, also den Most Excellent Order of the British Empire verliehen bekommen). So richtig kommt man an PJ Harvey eigentlich eh nicht vorbei, wenn man sich für Rockmusik interessiert, Beziehung mit Nick Cave, Zusammenarbeiten mit Mark Lanegan (auf der hart geilen „Bubblegum“, einfach ein über-Post-Grunge-Album (gibt es das?)), Josh Homme / Desert Sessions, Tricky … nevermind. Hier liefert sie vor etlichen tausend Leuten auf dem BDO einfach mal den Opener ihres gleichnamigen (SEHR guten!, die Produktion ist super mächtig) Albums solo ab. Im Original kracht es zwar eh nur eruptionsmäßig zwischendurch und gen Ende, aber dass sie da alleine steht, gibt dem ganzen noch mehr Dringlichkeit. Die ist aber eh überall drin. Naja, PJ appreciation post.

*Macht schon Laune. Sehr geil ist vor allem der Soundtrack, da sind noch etliche Banger neben PJ Harveys „Down by the Water“ zu finden.

Can 1975 Live bei Old Grey Whistle Test

Mitte der 1970er Jahre waren die Briten vernarrt in Rockmusik Made in Germany. Mein Kollege Patrick hat darüber erst jüngst in einem von mir herausgegebenen Sonderheft zur kulturellen Europäisierung Großbritanniens ausführlich geschrieben. Primal Scream, bekannte Krautrock Fans, nannten ihr letztes Album Chaosmosis und wollten damit zeigen, wie sehr sie von CAN, NEU! und Co. musikalisch geprägt wurden. Wie sehr Chaos, Ordnung und Wahnsinn zusammengehen können, beweist Irmin Schmidt an den Keys beim unten aufgeführten Liveauftritt in der Show Old Grey Whistle Test. Die Sendung, die sicherlich zur zentralen Inspirationsquelle des Rockpalastes wurde (Old Grey Whistle Test startete 1971, der Rockpalast 1974), prägte wohl wie kaum eine Andere die Neuerfindung von Rock nach dem Niedergang des West-Coast Sounds in den späten 1960er Jahren. Wer hat sie ins Leben gerufen? Ein Herr Namens Rowan Ayers, der Vater von Kevin Ayers, einst Bassist bei Soft Machine und später grandioser Singer und Songwriter. Der Name der Musikshow ist übrigens ein Seitenhieb auf die Regeln des damals etablierten Musikbusinesses. Wollte eine Schallplatte das Licht der Welt erblicken, so musste der Sound zuerst die alten grauen Männer beeindrucken, die in den Studios und Büros der großen Labels auf der New Yorker Tin Pan Alley das Sagen hatten.

Rap goes Club?

Deutschrap galt lange als Antipode des 4-to-the-floor Clubbangers. Das hat sich in den letzten Monaten deutlich geändert. Niemand ist heute mehr verwundert, wenn die Funktion-One der Crowd ein Pashanim Sample ins Gesicht bläst. Wer jetzt denkt: bei der ganzen Nummer kann auch leicht die falsche Abbiegung genommen werden, der tut dies nicht zu Unrecht. Releases von Teuterekordz sind meist näher dran am ZDF Fernsehgarten als am Dickicht der Clubwelt. Ein deutsches Phänomen ist die Vermählung von Clubsound und Rap natürlich nicht. Pitchfork schreibt von einer „Next Generation of Club Rap„, die gerade von New Jersey aus die Staaten erobert. Sind wir darüber verwundert? Mitnichten! Die Speedyness, die sich mit hartem Drill-Rap verbindet, scheint die logische Konsequenz aus dem Juke Erfolg zu sein; ein Genre, das trotz 20-jähriger Geschichte, so die Juke Legende DJ Clent auf MixMag, erst seit 2019 sichtbar einen Fußabdruck in der Popkultur hinterlässt.

Kurzfilm “We Cry Together“

Kendrick Lamardochwas in diesem Jahr. Der Rap Shootingstar des internationalen Feuilletons veröffentlichte im Mai sein zehntes Studioalbum. Die Musikpressse geizte nicht mit Worten: „Hip-Hop-Therapiestunde“, „ein Kreisen um die Krisen“ unserer Zeit, Kendrick fordere uns zu „radikaler Selbstsorge“ auf. Konzeptionell ist Mr. Morale & The Big Steppers allemal. Jüngst erschien der Kurzfilm zum Albumtrack “We Cry Together“. In den Hauptrollen: Kendrick und Taylour Paige. Anklage und Versöhnung sind natürlich auch Dreh- und Angelpunkt des Kurzfilms. Beide Protagonisten werfen sich im Video herbe Sachen vor, bevor es zum Versöhnungssex kommt. Eine Story mitten aus dem Leben, der Ort, aus dem Kendrick die Stories seiner Musik spinnt. Im Film müssen beide jedoch nicht warten, wie es in der berühmten Line heisst: „But if God got us then we gon‘ be alright“. Sie sorgen selbst dafür, dass alles gut wird. Und das ist auch gut so!

DJ VLK – Ballermann Partykeller

Durch einen abstoßenden Vorschlag auf YouTube (den hier, fick dich, Algorithmus, und fick dich, Deutschland) ist mir wieder eingefallen, dass der Ballermann in den Brandungen des biergetränkten Bodensatzes kultureller Entgleisungen nicht nur DIE JUNGS geformt, sondern auch dieses Epos von einem DJ-Mix geboren hat. Eine Stunde echte Gefühle und ein Gefühl der kosmischen Verbundenheit und inneren Einkehr, wie man es als Jack & Jones rockender Vorort-Tobias sonst nur erlebt, wenn man nach Stunden stämmigen Kampftrinkens in der prallen Sonne auf der Schinkenstraße „Layla“ singt und plötzlich aus allen Ecken in den Gesang eingestimmt wird … das ist Gemeinschaft. Auf zur „Ich-Auflösung im Bierkönig“.

In Case You Didn’t Feel Like Showing Up

Ministry 1990, das war kein Synthpop á la Depeche Mode mehr und das war auch noch nicht das legendäre Psalm 69 ( inkl. Jesus Built My Hotrod), welches kurze Zeit später veröffentlicht wurde. Ministry 1990 waren diese Herojunks, die einfach nur die anstrengendste Metalmusik der Gegenwart machten – Industrial Metal halt. Aber nicht so dekonstruierend wie Einstürzende Neubauten oder SPK und noch nicht so stadiontauglich wie Nine Inch Nails, Rammstein oder Marilyn Manson später, sondern einfach nur auf die Fresse.

Das Konzert spricht für sich, das Gitter zwischen Band und Publikum, wilde Videoeinspielungen und ein bellender Al Jourgensen schieben mit Mad Max-Vibes heftig an. Fehlen darf auch nicht die Zugaben-Rede von Jello Biafra, der das Publikum mit The Yankee Swastika, burn baby, burn! nochmal richtig einheizt. Letzter Track ist The Land Of Rape And Honey, bei dem Goebbels gesamplet wird und eine Kontinuität von Nazi-Deutschland zu den USA gezogen wird. Muss man gehört haben, um es (vielleicht) zu verstehen.

ROTTE: DEICHTORHALLEN

“ was für ein subversiver Akt“

Christian Rottler ist ein Musiker aus aus Stuttgart, über den man verhältnismäßig wenig im Netzt findet.
Deutsche Sprache und Kunst für mich persönlich immer schwierige Mischung-hier funktioniert das ausnahmsweise mal wirklich ganz gut.

Madcatlady

Gerade dran erinnert, weil ich 2013-YouTube ja so spannend fand: Mein damaliger Lieblingschannel, ich habe einige Wochen lang sogar täglich auf neue Uploads gewartet. Seeeehr weirde Videos, aber es hat mich eine Zeit lang stark gefesselt. Ich weiß leider nur noch, dass die Channelinhaberin Australierin ist und bei Kritik schnell allergisch reagiert hat. Mein Lieblingsvideo war mit Abstand das hier. Ich habe das einmal einem Kumpel gezeigt und er erzählte mir ein paar Tage später von einem Albtraum, der durch dieses Video und die Musik ausgelöst wurde. Verständlich.

Developers

Ich fand die Musikvideos zu Girls von The Prodigy und Rockit von den Gorillaz immer faszinierend. Dieses Video erinnert mich stark daran. Musikalisch auch nice. 2013 war, bezogen auf solche YouTube-Videos, definitiv eine bessere Zeit als heute. Heute muss jedes Video ein Hype sein, krank produziert, next big thing.. TheUnComfortZONE hatte anscheinend Spaß und viele Ideen. Der gesamte Channel ist sehr obskurr… Maradona beim Aufwärmen (das Video kenn ich sogar schon echt lange), Anonymousvideos und weirde Zusammenschnitte von L Ron Hubbard.