Gnod

Seit Jahren verfolgen mich Gnod, ohne dass ich sie selber richtig verfolgt habe. Das liegt vor allem an meinem sonderbar erzogenen Spotify-Algorithmus, der mir Gnod fast jede Woche in den Mix der Woche wirft. Das ist mir aber erst nach einer Weile aufgefallen, weil Gnod wirklich jedes Mal anders klingen.

Die Band ist ein ständig durchrotierendes Musik-Kollektiv, zumindest der Sänger und ein paar andere Leute sind aber wohl jedes Mal dabei. Von super freundlichem 2010er-Loop-Psych und ätherischem Spacerock auf Gnod Drop Out With White Hills (zusammen mit, überraschung, White Hills) schnodderte sich die Band über ein ähnlich psychedelisches, aber weit kratzigeres Nachfolgealbum hin zu einem elektronischerem, teils Industrial-inspirierten Sound auf „Infonity Machines“ (es gibt sogar einen Boiler Room-Mitschnitt ohne klassische Instrumente), nur um dann in die übellriechende Pfütze aus Angepisstheit („Mirror“, viel Noiserock, recht Idles-verwandt, 2016) zu schlittern, aus denen ich die Band das erste Mal bewusst gefischt habe. Um darauf folgend ein 90s-Noiserockalbum (JUST SAY NO TO THE PSYCHO RIGHT-WING CAPITALIST FASCIST INDUSTRIAL DEATH MACHINE) mit gleichbleibender Wut, aber catchy Hooks und einem Funken Optimismus rauszuhauen.

Ein paar Sachen bleiben jedoch immer ähnlich: Dringlicher Gesang, viel Repetition, viel Abwechslung. Ich empfehle wirklich ausdrücklich, durch ein paar Alben zu skippen, denn so richtig erklärt kriegt man das hier alles nicht. Hier dann eine sehr Garage-lastige Bock-auf-Abriss-Nummer:

Nine Inch Nails Woodstock 1994

Durch die Netflixdoku sind ja viele Leute auf das Desaster von Woodstock ’99 aufmerksam geworden, also nutze ich mal die Gelegenheit auf das fünf Jahre vorher stattfindende 25 Jahre-Jubiläumsfestival hinzuweisen (Und naja, auch hier gab’s Tote und Verletzte). Als Bands waren unter anderem Green Day, Grateful Dead, Red Hot Chili Peppers, Aphex Twin und Bob Dylan dabei. Die größte Menschenmenge der über 350.000 Besucher:innen versammelte sich aber vor Nine Inch Nails. Die Band hatte kurz vorher im Schlamm gewrestlet und war generell ziemlich wasted, aber der Auftritt war ja nun mal Teil der „Self Destruct“-Tour.

Der Auftritt von Happiness In Slavery bekam später den Grammy für die beste Metal Performance und auch die restlichen Songs sind mit einer unglaublich destruktiven Wucht gespielt. Unter anderem werden hier Closer und Wish zum besten gegeben, die Single Burn (zum Film Natural Born Killers) performt sowie Suck (Pigface, wovon Trent kurz Teil war) und Dead Souls (Joy Division für The Crow) gecovert. Mega skurril, dass der gleiche Trent Reznor später einen großen Teil zur erfolgreichsten Single der US-Geschichte (Old Town Road) und Musik zu Filmen wie The Social Network, Bird Box und Soul beitragen wird.

Übrigens, was persönliches: Während Nine Inch Nails auftraten, wurde ich ein paar hundert Kilometer entfernt in Cincinnati geboren. Mein Vater erzählt immer mal wieder, dass er das Konzert live im Wartesaal geguckt hat. Ich bin zwar nicht abergläubisch, aber das erklärt irgendwie ganz gut, warum NIN meine absolute Lieblingsband ist..

Barbie Jeep Downhill

Oh man, hatten wir während der Lockdowns viel Zeit. Zeit, die gut und gewinnbringend genutzt gehörte: Nach einer etwas ausufernden Begeisterung für Videos von Underground-Streetfights* und GoPro-Aufnahmen von Modellbahn-Lokmitfahrten bin ich direkt von Führerstand eines gepflegten ICE (Märklin, H0) in texanische Mudholes gestolpert. Nachdem ich mein Umfeld verwirrt wahrgenommen und etwas später verarbeitet hatte (Quads in Schlammlöchern, Partyaufnahmen mit obskuren Interviews, Truckpulling, das Gefühl, mehr dabei zu sein, als es sich für Außenstehende gehört) wurde ich von einer Gruppe selbsterklärter Rednecks aufgenommen, bekam ein Bud Light in die Pranke gerückt und wurde in die Welt des Barbie Jeep Racing eingeführt.

Man könnte jetzt alles auf Corona schieben (nur Spazieren, viel rumsitzen), aber da ich auch jetzt keinen Extremsport mache und nicht mal Bock darauf habe, hat die unverblümte Ehrlichkeit dieser ganzen Szene echt was in mir berührt. Teilweise haben die Rennen etwas von einem Initiationsrithus, alles sind irgendwie Gewinner und scheinen sich echt als Familie zu fühlen. Fernab davon sind die Rennen einfach richtig nice und unterhaltsam. Gut zum nebenher Sludge pumpen („God Luck and Good Speed“ von Weedeater ist abseits des großartigen Titel-Wortspiels ein perfect match).

*Ich empfehle K.O.T.S. auf YouTube – krass gefilmt, verstörend stumpfes Männlichkeitsgehabe, aber beeindruckend – beeindruckend stumpf, ja, aber dennoch heftig spannend und interessant, wie weit Menschen einzustecken bereit sind. Leider sind etliche Streetfighter in rechten cirklejerks aktive, gruselige Leute.

Texas Outsiders, Next Level

Da der gute Daniel Johnston hier lobenswerterweise schon Eingang gefunden hat, möchte ich auf das tolle Texanische „Sage Studio“ hinweisen. Hier seht Ihr Rick Fleming, VHS-Video Aficionado, Musiknerd und Ausnahmekünstler aus Texas. Es macht unglaublich Laune auf der Galerieseite zu stöbern und Snake Plisken ziert jetzt übrigens meine Wohnzimmerwand. Weit weg von karitativer Kunsttherapie, knietief in der Popkultur.

Art studio and gallery | Austin | SAGE Studio (sagestudioatx.com)

The Beautifully Strange World of Outsider Music & The Devil and Daniel Johnston

Ich bin während des Lockdowns letzten Jahres auf dieses sehr interessante Video über Outsider Music gestoßen:

Gepackt von dem Thema und „True Love will find You in the End“ von Daniel Johnston, begab ich mich auf weitere Recherche. Dabei fand ich diese unglaubliche Doku über Daniel Johnston namens The Devil and Daniel Johnston. Mit einem Certified Fresh Rating und Audience Score von 91% bei Rotten Tomatoes, zeigt diese Doku mithilfe von extrem vielen Aufnahmen durch Daniel selbst und Zeitstimmen von u.a. Sonic Youth das Porträt eines zu tiefst gestörten Künstlers und seiner Auseinandersetzung mit sich selbst, seiner fundamental christlichen Familie, einer fanatischen Jugendliebe, dem Teufel und Casper, dem freundlichen Geist.

Leider finde ich im Internet nur eine Version mit spanischen Untertiteln, die manchmal im Weg sind, falls wer was besseres findet, HMU. Trotzdem kann ich diese Doku jedem Menschen wärmstens Empfehlen, der ein Herz für strange Musik, Grounge oder slice of life Filmen ala Slacker von Richard Linklater hat.
Hier der Link:
https://www.dailymotion.com/video/x2hv6zm

Über eine Band, die Musikgeschichte schrieb, aber mit dem Wilden Westen aufräumte

Wer kennt noch diesen jungen, gutaussehenden, aber wenig sympathischen jungen Mann? Lester Bangs gilt als Erfinder des modernen Musikjournalismus und schrieb sich mit seinen Verrissen in die Herzen der Kinderzimmer der 1970er Jahre ein. 1982 verstarb Bangs viel zu früh. Sein Gesamtwerk inspirierte die ganz großen Schreiberlinge über Musik. Greil Marcus zum Beispiel, der mit Mystery Train das beste Buch darüber verfasste, wie der American Dream in der Popkultur Amerikas verhandelt wurde, veröffentlichte mit Psychotic Reactions and Carburetor Dung gesammelte Schriften von Bangs.

Zu Lebzeiten hatte Bangs sich geschworen, gegen den Mief der Eagles anzuschreiben. In seinem Artikel How The Eagles Cleaned Up the Wild West, der im Oktober 1976 in der Zeitschrift Music Gig erschien, schreibt er, wie die Eagles den einstigen Rockstar, den Rebel without a Cause, der wohl für immer mit James Dean assoziiert werden wird, zu Grabe tragen. Die Eagles standen für ihn für eine neue Form von Walt Disney Cowboytum. In Midnight Flyer, so Bangs, „da ist alles wie isoliert und wohltemperiert, keine Bohne von Staub oder mal ne Lunge voll Kohlenmonoxid“, der Vagabund erscheint in Limousine mit Air Condition.

Hätte das alles sein müssen? Natürlich nicht. In Kalifornien produzierten Musiker zur Zeit als Midnight Flyer released wurde (1974) sanfte, aber dennoch wieder ernst zu nehmende Rockmusik. AOR, Adult oder für andere Album Oriented Rock erblickte in Abgrenzung zu Bands wie Bay City Rollers das Licht der Welt. Blue Eyed Soul und Yacht Rock spiegelten einen neuen Zeitgeist wieder, der nicht mehr darin bestand, wie in Zeiten von Woodstock die Welt zu verändern und zu retten, sondern im neoliberalen Sinne – auf dem Punkt gebracht durch den Siegeszug der Droge Kokain – zu proklamieren, dass der Welt doch geholfen sei, wenn jeder sich um sich selbst kümmert und die Wunden des Weltschmerzes selber heilt. 2014 ist im Berliner Tagesspiegel dazu ein überaus lesenswerter Artikel veröffentlicht worden.

AI Bildgeneration gewinnt Kunstwettbewerb und wie ihr das selbst machen könnt.

Falls man in den letzten Tagen etwas im Internet unterwegs war, hat man bestimmt mitbekommen, dass ein Künstler den ersten Preis eines Kunstwettbewerbes mithilfe eines durch AI generierten Bildes gewonnen hat:

https://www.vice.com/de/article/bvmvqm/ein-ki-generiertes-bild-hat-einen-kunstwettbewerb-gewonnen-und-kunstler-sind-angepisst?utm_source=pocket-newtab-global-de-DE

Natürlich gab es in der Künstlerszene deswegen einen kleinen Shitstorm, weil man als Künstler nun „kein Talent mehr braucht“.

Ähnliches könnte auch bald tatsächlich in der Musikszene passieren, z.B. gibt es schon die Jukebox AI:

https://openai.com/blog/jukebox/

Angefuttert durch diese Artikel, wollte ich nun natürlich selbst Wettbewerb-Gewinnende Kunst machen und fand bei meiner Recherche die kostenlose und Open-Source AI-text-to-image Generation „Stable Diffusion“.

Ihr könnt diese selbst unter:

https://beta.dreamstudio.ai/dream

und

https://huggingface.co/spaces/stabilityai/stable-diffusion

finden. Der erste Link hat ein limit von 200 generations pro Account, ist dafür aber schneller.

Für mehr Infos, guckt euch dieses Two-Minute-Papers Video an, ihr findet viele nützliche Links in der Beschreibung:

https://www.youtube.com/watch?v=nVhmFski3vg

PS: Für Jan hab ich die AI den neuen WIFIGOLD BAPE Pulli designen lassen

Die Letzten ihres Standes (und weitere Einschlaftipps)

Als SWR Handwerkskunst-Hooligan (wer es nicht kennt, aber beruhigende Dokus mag: es gibt wirklich wenig, bei dem man sich beim Anschauen so runterfährt, aber trotzdem was lernt – Konzept ist einfach: eine Person, die irgendwas kann, wird dabei begleitet, wie sie etwas macht. Lautsprecher, Seife, Fahrräder, immer so zwischen 15 – 30 Minuten ohne Hektik zum Produkt. Das war jetzt eine lange, mythenmetz’sche Abschweifung*) bin ich hierüber gestolpert. Hardcore kernig, strotzend vor Meme-kompatiblen Lines und tatsächlich habe ich seit der Doku richtig Bock, Kautabak zu kauen. Ping!

*Apropos Abschweifungen: Harry Rowohlt wurde mal der Paganini der Abschweifung genannt, und da hier eh schon alles sehr beruhigend ist, empfehle ich auch seine Lesung der Schatzinsel auf Spotify. Beste Vorlesestimme ever.

Als Acid House und Ecstasy die britische Fußballkultur befriedete

Ender der 1980er Jahre brach der zweite Summer of Love an. Aus den USA erreichte Acid House, so wie es seit den 1950er Jahren durchaus üblich war, zuerst die britischen Insel(n) und erreichte wenig später das europäische Festland.

1988 schlagzeilte die NME: „Acid Crackdown in the Streets of London?“ Die britische Öffentlichkeit war in Panik. Die Sorge war groß, dass die Jugend des eigenen Landes Großbritannien erneut auf der internationalen Bühne in einem schlechten Licht dastehen lassen könnte.

Peace, Love and Harmony stand jetzt auf der Tagesordnung. Wie sehr die neue Feierei das Land kulturell veränderte, zeigt der Blick auf den mit der Ankunft von Acid House beginnenden Wandel der Fußballkultur. Füllte einst die Rivalität und Gewalt zwischen den Football Firms die Seiten der britischen Tabloid Press, gab es nun wichtigeres zu tun als sich gegenseitig aufzulauern und einzuschenken. Suddi Raval, UK Rave Ikone, erinnert sich:

It [Acid House] helped bring about an end to football violence in ways that no one could have predicted. It is ironic that the, then Tory government tried to kill acid House because they also tried to control football violence. How funny that it took Acid House to do that? Many of the people who took part in football violence did so because there was so little else to do for many working class lads. Fighting with your rival teams gave Football Casuals something to do when life was pretty dull and eventless and with unemployment so high in the 80’s and social tensions reaching fever pitch, people had little money but then along came Acid House.    A lot of the people who said they switched from fighting to clubbing said they would never have been friends with the people they were previously fighting with but Acid House and the euphoric feeling it gave left them uninterested in clenching their fists and instead had them reach for the stars as they rejoiced in the newfound scene and everything that went with it.

https://closerthanmost.com/blogs/news/suddi-raval-a-brief-history-of-acid-house

Mehr bietet übrigens Jeremy Dellers Doku, die 2019 auf BBC Four erstmals ausgestrahlt wurde.

PJ Harvey – „Rid of Me“

Durch Peaky Blinders* bin ich dazu gekommen, wieder mehr PJ Harvey zu hören (passend zum Zeitgeschehen: 2013 hat Polly Jean Harvey von Queen Elisabeth II den OBE, also den Most Excellent Order of the British Empire verliehen bekommen). So richtig kommt man an PJ Harvey eigentlich eh nicht vorbei, wenn man sich für Rockmusik interessiert, Beziehung mit Nick Cave, Zusammenarbeiten mit Mark Lanegan (auf der hart geilen „Bubblegum“, einfach ein über-Post-Grunge-Album (gibt es das?)), Josh Homme / Desert Sessions, Tricky … nevermind. Hier liefert sie vor etlichen tausend Leuten auf dem BDO einfach mal den Opener ihres gleichnamigen (SEHR guten!, die Produktion ist super mächtig) Albums solo ab. Im Original kracht es zwar eh nur eruptionsmäßig zwischendurch und gen Ende, aber dass sie da alleine steht, gibt dem ganzen noch mehr Dringlichkeit. Die ist aber eh überall drin. Naja, PJ appreciation post.

*Macht schon Laune. Sehr geil ist vor allem der Soundtrack, da sind noch etliche Banger neben PJ Harveys „Down by the Water“ zu finden.

Can 1975 Live bei Old Grey Whistle Test

Mitte der 1970er Jahre waren die Briten vernarrt in Rockmusik Made in Germany. Mein Kollege Patrick hat darüber erst jüngst in einem von mir herausgegebenen Sonderheft zur kulturellen Europäisierung Großbritanniens ausführlich geschrieben. Primal Scream, bekannte Krautrock Fans, nannten ihr letztes Album Chaosmosis und wollten damit zeigen, wie sehr sie von CAN, NEU! und Co. musikalisch geprägt wurden. Wie sehr Chaos, Ordnung und Wahnsinn zusammengehen können, beweist Irmin Schmidt an den Keys beim unten aufgeführten Liveauftritt in der Show Old Grey Whistle Test. Die Sendung, die sicherlich zur zentralen Inspirationsquelle des Rockpalastes wurde (Old Grey Whistle Test startete 1971, der Rockpalast 1974), prägte wohl wie kaum eine Andere die Neuerfindung von Rock nach dem Niedergang des West-Coast Sounds in den späten 1960er Jahren. Wer hat sie ins Leben gerufen? Ein Herr Namens Rowan Ayers, der Vater von Kevin Ayers, einst Bassist bei Soft Machine und später grandioser Singer und Songwriter. Der Name der Musikshow ist übrigens ein Seitenhieb auf die Regeln des damals etablierten Musikbusinesses. Wollte eine Schallplatte das Licht der Welt erblicken, so musste der Sound zuerst die alten grauen Männer beeindrucken, die in den Studios und Büros der großen Labels auf der New Yorker Tin Pan Alley das Sagen hatten.

Rap goes Club?

Deutschrap galt lange als Antipode des 4-to-the-floor Clubbangers. Das hat sich in den letzten Monaten deutlich geändert. Niemand ist heute mehr verwundert, wenn die Funktion-One der Crowd ein Pashanim Sample ins Gesicht bläst. Wer jetzt denkt: bei der ganzen Nummer kann auch leicht die falsche Abbiegung genommen werden, der tut dies nicht zu Unrecht. Releases von Teuterekordz sind meist näher dran am ZDF Fernsehgarten als am Dickicht der Clubwelt. Ein deutsches Phänomen ist die Vermählung von Clubsound und Rap natürlich nicht. Pitchfork schreibt von einer „Next Generation of Club Rap„, die gerade von New Jersey aus die Staaten erobert. Sind wir darüber verwundert? Mitnichten! Die Speedyness, die sich mit hartem Drill-Rap verbindet, scheint die logische Konsequenz aus dem Juke Erfolg zu sein; ein Genre, das trotz 20-jähriger Geschichte, so die Juke Legende DJ Clent auf MixMag, erst seit 2019 sichtbar einen Fußabdruck in der Popkultur hinterlässt.

Kurzfilm “We Cry Together“

Kendrick Lamardochwas in diesem Jahr. Der Rap Shootingstar des internationalen Feuilletons veröffentlichte im Mai sein zehntes Studioalbum. Die Musikpressse geizte nicht mit Worten: „Hip-Hop-Therapiestunde“, „ein Kreisen um die Krisen“ unserer Zeit, Kendrick fordere uns zu „radikaler Selbstsorge“ auf. Konzeptionell ist Mr. Morale & The Big Steppers allemal. Jüngst erschien der Kurzfilm zum Albumtrack “We Cry Together“. In den Hauptrollen: Kendrick und Taylour Paige. Anklage und Versöhnung sind natürlich auch Dreh- und Angelpunkt des Kurzfilms. Beide Protagonisten werfen sich im Video herbe Sachen vor, bevor es zum Versöhnungssex kommt. Eine Story mitten aus dem Leben, der Ort, aus dem Kendrick die Stories seiner Musik spinnt. Im Film müssen beide jedoch nicht warten, wie es in der berühmten Line heisst: „But if God got us then we gon‘ be alright“. Sie sorgen selbst dafür, dass alles gut wird. Und das ist auch gut so!

Selena Delgado ist Fake

Hier kommen zwei Sachen zusammen: Einmal dieser fucking weirde Channel namens FlorecitaDreams und dann noch die Urban Myth um Selena Delgado Lopez. Bei Letzterer handelt es sich um eine angeblich vermisste junge Frau, nach der in den 90ern regelmäßig im mexikanischen Fernsehen gefahndet wurde. Die Vermutung liegt nahe, dass das verwendete Bild computergeneriert war und dementsprechend die gesuchte Frau nie existiert hat. Und das verlinkte Video scheint dies zumindest auf eine beunruhigende Weise zu bestätigen.

DJ VLK – Ballermann Partykeller

Durch einen abstoßenden Vorschlag auf YouTube (den hier, fick dich, Algorithmus, und fick dich, Deutschland) ist mir wieder eingefallen, dass der Ballermann in den Brandungen des biergetränkten Bodensatzes kultureller Entgleisungen nicht nur DIE JUNGS geformt, sondern auch dieses Epos von einem DJ-Mix geboren hat. Eine Stunde echte Gefühle und ein Gefühl der kosmischen Verbundenheit und inneren Einkehr, wie man es als Jack & Jones rockender Vorort-Tobias sonst nur erlebt, wenn man nach Stunden stämmigen Kampftrinkens in der prallen Sonne auf der Schinkenstraße „Layla“ singt und plötzlich aus allen Ecken in den Gesang eingestimmt wird … das ist Gemeinschaft. Auf zur „Ich-Auflösung im Bierkönig“.

VOX Explained

Das ist so dermaßen kein Geheimtipp, dass ich mich fast schäme, es zu posten. Als Wikipedia- und Wusstensie’s-Aficionado verbringe ich allerdings so dermaßen viel Zeit mit Kunst-Erklärvideos oder Einführungen in irgendwelche philosophischen Theorien (von denen ich eh alles wieder vergesse), dass ich VOX als eins der Highlights herausstellen muss. Schön gemacht, gut erklärt und vor allem richtig behämmerte Themen. Kennt vermutlich jede*r, vergisst aber vielleicht jede*r zweite auch wieder. Ich bin auch ehrlich neidisch darauf, dass Menschen mit so etwas ihr Geld verdienen.

Carts of Darkness

„Carts of Darkness“ ist eine dieser Dokus, die so nah dran sind, dass es (nicht nur) fast wehtut. Murray Siple, querschnittsgelähmter ex-Extremsportler und ex-Extremsportfilmemacher, begleitet eine Gruppe Obdachloser in Vancouver, die in ihren Einkaufswagen mit 70 Sachen die Straßen runterhämmern. Bisschen traurig, selbstredend, aber vor allem, weil Murray selber einfach herbe Bock auf Shopping Cart Downhill hat (und da wird’s dann am Ende ein bisschen tränendrüsendrückend, aber hey). Sehr, sehr geile Stunde.

In Case You Didn’t Feel Like Showing Up

Ministry 1990, das war kein Synthpop á la Depeche Mode mehr und das war auch noch nicht das legendäre Psalm 69 ( inkl. Jesus Built My Hotrod), welches kurze Zeit später veröffentlicht wurde. Ministry 1990 waren diese Herojunks, die einfach nur die anstrengendste Metalmusik der Gegenwart machten – Industrial Metal halt. Aber nicht so dekonstruierend wie Einstürzende Neubauten oder SPK und noch nicht so stadiontauglich wie Nine Inch Nails, Rammstein oder Marilyn Manson später, sondern einfach nur auf die Fresse.

Das Konzert spricht für sich, das Gitter zwischen Band und Publikum, wilde Videoeinspielungen und ein bellender Al Jourgensen schieben mit Mad Max-Vibes heftig an. Fehlen darf auch nicht die Zugaben-Rede von Jello Biafra, der das Publikum mit The Yankee Swastika, burn baby, burn! nochmal richtig einheizt. Letzter Track ist The Land Of Rape And Honey, bei dem Goebbels gesamplet wird und eine Kontinuität von Nazi-Deutschland zu den USA gezogen wird. Muss man gehört haben, um es (vielleicht) zu verstehen.

ROTTE: DEICHTORHALLEN

“ was für ein subversiver Akt“

Christian Rottler ist ein Musiker aus aus Stuttgart, über den man verhältnismäßig wenig im Netzt findet.
Deutsche Sprache und Kunst für mich persönlich immer schwierige Mischung-hier funktioniert das ausnahmsweise mal wirklich ganz gut.

Mark Leckey – To the Old World (Thank You for the Use of Your Body)

Hab schon lange nicht mehr irgendwas im Internet gesehen was mich so umgehauen hat.
Vorhänge zu, Licht aus, Anlage inkls Sub aufdrehen. Ist definitiv nichts für den Handybildschirm.

„Best to let the broken glass be broken glass, let it splinter into smaller pieces and dust and scatter. Let the cracks between things widen until they are no longer cracks but the new places for things. That was where they were now. The world wasn’t ending: it had ended and now they were in the new place. They could not recognize it because they had never seen it before.“

Lamb

Einer der geilsten kontemporären Filme, die ich in letzter Zeit gesehen habe. Super weird, super langsam, super gefilmt und gespielt. Kein Gutelaunefilm, aber auch nicht so drückend, wie man es erwarten könnte. Passt gut ins A24-Portfolio (Lighthouse, Leute, Lighthouse!). P.S.:Lest euch nicht durch, worum es geht. Kickt dann noch mal anders.

Just got Oblivion for PC

Ein bisschen spooky Internetlore und da ich Reddit und Oblivion liebe, darf es hier nicht fehlen: Eine Person fragt auf r/gaming nach dem besten Mod für Oblivion und ein, zwei andere Personen antworten normal. Dann antwortet u/YAYVIDEOGAMES mit einem Post, dass der Uninstall-Button am besten wäre, schreibt danach aber nur zusammenhangslose Sachen. Auf Nachfrage eines mittlerweile unbekannten Users antwortet YAY: „The uninstall button…The game is great, Ubisoft goes Steamworks bye bye, always on DRM. But you oft go work, always on work DR. Check out the junk it leaves behind in you.“ Auf die erneute Nachfrage antwortet YAY in hundertfacher Ausführung auf verschiedene Arten ähnliches unverständliches Zeug. Auch wenn der Thread mittlerweile recht bekannt ist, weiß immer noch niemand was mit YAY passiert ist.

Madcatlady

Gerade dran erinnert, weil ich 2013-YouTube ja so spannend fand: Mein damaliger Lieblingschannel, ich habe einige Wochen lang sogar täglich auf neue Uploads gewartet. Seeeehr weirde Videos, aber es hat mich eine Zeit lang stark gefesselt. Ich weiß leider nur noch, dass die Channelinhaberin Australierin ist und bei Kritik schnell allergisch reagiert hat. Mein Lieblingsvideo war mit Abstand das hier. Ich habe das einmal einem Kumpel gezeigt und er erzählte mir ein paar Tage später von einem Albtraum, der durch dieses Video und die Musik ausgelöst wurde. Verständlich.

Developers

Ich fand die Musikvideos zu Girls von The Prodigy und Rockit von den Gorillaz immer faszinierend. Dieses Video erinnert mich stark daran. Musikalisch auch nice. 2013 war, bezogen auf solche YouTube-Videos, definitiv eine bessere Zeit als heute. Heute muss jedes Video ein Hype sein, krank produziert, next big thing.. TheUnComfortZONE hatte anscheinend Spaß und viele Ideen. Der gesamte Channel ist sehr obskurr… Maradona beim Aufwärmen (das Video kenn ich sogar schon echt lange), Anonymousvideos und weirde Zusammenschnitte von L Ron Hubbard.

„On Dark Horses“ – Emma Ruth Rundle Dokumentation

Als bekennender ERR-Ultra liebe ich eh alles, was sie an Output liefert, aber diese Doku hat meine Begeisterung noch mal gepushed (neben dem Video hier bei „What’s in my Bag“ (generell herbe empfehlenswert, wenn man sich dafür interessiert, was andere Menschen hören)). Einfach eine sehr intime, kurze Doku über eine krasse Künstlerin. Sehr nice und abgefahren ist auch ihr letztes Album (nur auf Bandcamp) und natürlich die X Kollaborationen mit Mizmor, Thou, The Body …